Der Abguss der Victoria von Calvatone im Alten Museum.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Berlin/St. PetersburgIm Alten Museum werden Göttinnen reisefertig gemacht. Sieben Stücke aus der Antikensammlung werden in eine siebenfach klimagedämmte Kiste gepackt, mit denen die Sieges- und Mondgöttinen nach St. Petersburg geflogen werden. Sie werden dort zum Beiprogramm einer Ausstellung um eine  Victoria, die als Kriegsbeute in die UdSSR gebracht worden war, aber über Jahrzehnte dort nicht als antik römisches Werk erkannt wurde. 

Landarbeiter hatten die  "Victoria von Calvatone" 1836 auf einem Acker in der Lombardei bei Cremona gefunden. Der Sieg war in vier Stücke zerbrochen, linkes Bein, linker Arm und einige kleine Teile fehlten. Die vergoldete Bronze aus dem 2. Jahrhundert wurde in Italien zusammengesetzt, die Königlichen Museen zu Berlin kauften die Siegesgöttin 1841.

Die Victoria  1934 im Alten Museum. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto glänzt sie zentral im Hintergrund.
SMB Zentralarchiv.

1844 wurden die  fehlenden Teile wahrscheinlich durch den  Bildhauer Christian Daniel Rauch ergänzt, wie Restaurator Uwe Peltz sagt: "Wir forschen aber noch daran." Das etwa 1,70 Meter hohe Werk bekam einen linken Arm mit Palmwedel und ein nacktes linkes Bein, das die Göttin keck nach vorn stellt, und vor allem Flügel. Dergestalt wurde die Göttin im Alten Museum ausgestellt, bis sie nach Kriegsbeginn 1939 in einen Tresor der Neuen Münze am Molkenmarkt ausgelagert wurde, um vor Bombenangriffen geschützt zu sein. 

"Delikate Pose"

Nach dem Krieg suchten sowjetische Experten gezielt nach vergoldeten Bronzen, fanden die Victoria und brachten sie nach St. Petersburg. Dort wurde sie 1946 ausgepackt und fälschlich als französisches Werk aus dem 17. oder 18. Jahrhundert klassifiziert. Erst 2016 fiel der Fehler auf. Anna Vilenskaja, Kunsthistorikerin an der Eremitage erklärt den Irrtum mit dem nackten linken Bein: „Die Skulptur zeigt eine europäische Frauenfigur in delikater Pose. Da dachten die Verantwortlichen wohl automatisch an eine französische Herkunft der vergoldeten Frau.“

Michail Piotrowski, Direktor der Eremitage, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, vereinbarten eine Zusammenarbeit bei der Restaurierung und Erforschung der Figur, auch Uwe Peltz war mehrmals in St. Petersburg. Bei den Arbeiten fanden die Spezialisten heraus, dass die Victoria ursprünglich keine Flügel gehabt hatte. Sie wurden in der Zeit dazu erfunden, als Siegesgöttinnen große Mode in Deutschland waren. Zwei der berühmtesten stehen in Berlin: Als "Goldelse" auf der Siegessäule, als Wagenlenkerin auf dem Brandenburger Tor. Ein Gips-Abguss der Victoria von Calvatone in Originalgröße ist im Alten Museum zu sehen.

Eine Mondgöttin, deren silbertauschierter Himmelsmantel sich bläht, und eine Viktoria mit Lorbeerkranz in der rechten und einem Palmwedel in der linken Hand.

Die restaurierte Figur wird vom 8. Dezember bis zum 8. März 2020 in der Eremitage ausgestellt: Die Victoria von Calvatone - Schicksal eines Meisterstücks. Berlin stellt sieben Stücke zur Ergänzung leihweise zur Verfügung, die Uwe Peltz nach St. Petersburg begleiten und dort in die Vitrinen stellen wird. Es sind vier Bronze-Statuetten, zwei Öllampen aus Ton und eine Gemme aus grünem Stein. Zwei Statuetten zeigen  eine Victoria, zwei die Mondgöttin Luna. Auch auf den Öllampen und der Gemme ist die Siegesgöttin abgebildet. Alle antik römischen Stücke stammen aus dem 1. oder 2. Jahrhundert. 

Kunstpacker Dirk Peter bereitet den Versand einer Mondgöttin Luna vor.
Benjamin Pritzkuleit

Trophäen der Sowjetunion

Millionen von Kunstwerken und Bücher waren bis 1947 von sowjetischen "Trophäenkommissionen" in Deutschland beschlagnahmt worden, viele Stücke wurden später an die DDR zurückgegeben, kleinere Mengen wie die Fenster der Marienkirche in Frankfurt (Oder) auch danach. Staaten, die aus der Sowjetunion hervorgegangen waren, gaben ebenfalls Beutekunst zurück. Zwar hatten Deutschland und Russland Anfang der 90er Jahre vertraglich vereinbart, dass "unrechtmäßig verbrachte Kulturgüter" zurückgegeben werden müssen. Das russische Parlament jedoch erließ 1996 ein Gesetz, dass die Beutekunst russisches Eigentum bleibt. Dahinter stand unter anderem der Gedanke, dass Deutschland in den von ihm zeitweilig besetzten Gebieten ebenfalls in großem Umfang  Kunst geraubt und zerstört hatte.

Am Montag um 20 Uhr werden Stiftungspräsident Parzinger und Michail Schwydkoj, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten für internationale kulturelle Zusammenarbeit, in der Urania öffentlich bei freiem Eintritt über deutsch-russische Ausstellungen sprechen. Derlei Kooperationen können zwar den Grundkonflikt um die Beutekunst nicht lösen, die in die Sowjetunion gebrachten Werke aber zugänglich und für die Forschung nutzbar machen.