BerlinAnnus horribilis, das Schreckensjahr. So nannte Königin Elizabeth II. in einer Rede das Jahr 1992, an das sie nur mit Grauen zurückdenkt. Damals gingen die Ehen von drei ihrer vier Kinder in die Brüche, und ihr geliebtes Schloss Windsor brannte lichterloh. Doch auch dieses Jahr hatte es in sich und die Aussichten sind nicht rosig: 2021 könnte zu einem neuen Schreckensjahr für die Royals werden.

Besonders heikel dürfte das kommende Jahr für Prinz Andrew sein, den zweitältesten Sohn der Queen. Dem 60-Jährigen wird eine Verwicklung in den Missbrauchsskandal um den verstorbenen Jeffrey Epstein vorgeworfen. Der US-Geschäftsmann soll Dutzende Minderjährige missbraucht und zur Prostitution gezwungen haben. Ghislaine Maxwell, eine gute Freundin von Prinz Andrew, zählte laut US-Staatsanwaltschaft zu Epsteins „engsten Verbündeten“ und spielte eine „entscheidende Rolle“ bei dessen Machenschaften.

Zu den Opfern gehört nach eigenen Angaben die Amerikanerin Virginia Giuffre. Sie behauptet, als Minderjährige vor etwa 20 Jahren mehrmals zum Sex mit dem Prinzen gezwungen worden zu sein. Andrew, der der Lieblingssohn der Königin sein soll, bestreitet das vehement. Im Zuge des Skandals legte er aber alle öffentlichen Aufgaben für die Royals nieder und lässt sich seit vielen Monaten kaum noch in der Öffentlichkeit blicken. Sein Image in Großbritannien ist ohnehin nicht gut. Die Presse verspottete ihn früher wegen seiner Affären häufig als „Randy Andy“ (etwa: geiler Andy).

Mit den US-Ermittlern liegt der Prinz im Streit. Sie möchten ihn vernehmen – als Zeugen, nicht als Angeklagten. Doch angeblich ist er nicht zur Zusammenarbeit bereit. „Wenn Prinz Andrew wirklich ernsthaft an einer Kooperation mit der laufenden Ermittlung interessiert ist, dann stehen unsere Türen offen“, teilte der New Yorker Staatsanwalt Geoffrey Berman mit. Andrews Team zeigte sich „verblüfft“ und wies die Vorwürfe zurück. Richtig unangenehm könnte es nun ab kommenden Juli für den Royal werden. Dann soll der Prozess gegen Maxwell beginnen. Wird sie Andrew belasten?

Wie auch immer: Die amerikanische Staatsanwaltschaft wird nicht locker lassen, die Ermittlungen gehen voran, die Einschläge kommen näher. So wurde kurz vor Weihnachten ein ehemaliger Geschäftspartner Epsteins in Frankreich verhaftet. Die Behörden leiteten ein Ermittlungsverfahren gegen den 74-jährigen Jean-Luc Brunel ein. Ihm würden unter anderem „Vergewaltigungen von Minderjährigen über 15 Jahren“ sowie sexuelle Belästigung vorgeworfen, teilte der zuständige Staatsanwalt Rémy Heitz mit. Man stelle sich eine solche Meldung nur mal mit Prinz Andrew als Beschuldigten vor.

Harry und Meghan sind zu einem Machtfaktor geworden

Doch ist Andrew keineswegs das einzige Sorgenkind der Queen. Auch Enkel Harry, 36, und dessen Frau Meghan, 39, haben mit ihrer Loslösung vom Königshaus – dem „Megxit“ – in diesem Jahr für mächtig Aufregung gesorgt. Das Paar wollte finanziell unabhängig sein und sich von seinen royalen Pflichten zurückziehen. Inzwischen leben die beiden mit Sohn Archie, 1, in Kalifornien. Dort erlitt Meghan im Sommer eine Fehlgeburt, wie sie kürzlich öffentlich machte. Eine Tragödie, aber nicht die einzige Schlagzeile, mit der Meghan und Harry in diesem Jahr für Aufmerksamkeit sorgten.

Die beiden gründeten die Archewell-Stiftung und verfolgen dezidiert karitative Zwecke. Dabei nutzen sie geschickt die sozialen Netzwerke und stellen eine eigene Öffentlichkeit her – fernab des Palasts und außerhalb dessen Kontrolle, aber immer noch mit royalem Nimbus. Harry und Meghan sind auf diese Weise zu einem Machtfaktor geworden und die Queen wird sich fragen müssen, ob das im Sinne der Krone ist. Denn ganz gleich, was die beiden tun: Es wird auf die Monarchie zurückstrahlen.

Dabei ist das erklärte Hauptanliegen der beiden ehrenwert. Sie wollen sich mit ihrer Stiftung vor allem im sozialen Bereich engagieren. „Scheut euch nicht davor, das zu tun, von dem ihr wisst, dass es richtig ist – auch wenn es nicht populär ist, auch wenn es nie zuvor getan wurde, auch wenn es den Leuten Angst macht“, appellierte Meghan an Mädchen und Frauen auf einer Online-Konferenz im Sommer und schien auch über sich selbst und Harry zu sprechen. Passend zu ihrem Appell mischte sich Meghan zudem in den US-Wahlkampf ein – was sich für einen (Ex-)Royal eigentlich nicht gehört.

Und noch eine andere Frage drängt sich auf: Sich sozial stark zu engagieren und zugleich einen aufwendigen Lebensstil zu pflegen – wie finanzieren die beiden das? Die Ex-Schauspielerin („Suits“) und der Prinz dürften noch über ein ansehnliches Privatvermögen verfügen, doch denken sie offenbar auch an die Zukunft. So haben sie etwa einen lukrativen Vertrag mit dem Streamingdienst Netflix abgeschlossen und wollen Dokumentationen, Spielfilme sowie Angebote für Kinder produzieren.

Zuletzt kam ein Deal mit Spotify hinzu, dort wollen beide „aufbauende und unterhaltsame Geschichten“ erzählen. Zugleich wurde ein erstes Projekt ihrer Stiftung bekannt: Gemeinsam mit der Hilfsorganisation World Central Kitchen wollen sie ein weltweites Netz von Stützpunkten aufbauen, von denen aus Menschen in Katastrophengebieten mit Essen versorgt werden sollen. Allein diese Koinzidenz zeigt, wie sehr Harry und Meghan ihr karitatives, sozialpolitisches Engagement mit einer global agierenden Medienpräsenz verbinden. 

Das Virus wütet in der Königsfamilie

Harry und Meghan verbinden also Eigensinn und Medienmacht: Kann das dem Palast gefährlich werden? Im kommenden Jahr will die Queen alle mit dem Paar getroffenen „Megxit“-Vereinbarungen auf den Prüfstand stellen. Dazu zählen auch der Verzicht auf die lukrative Marke „Sussex Royal“ und die Anrede „Königliche Hoheit“. Ob sie dafür die kleine Familie und ihren Lieblingsenkel Harry wiedersehen kann, ist allerdings angesichts der Pandemie fraglich. Seit Frühjahr trennt die Corona-Krise die Royals in den USA und Großbritannien.

Trotz aller Vorsicht infizierten sich Mitglieder der Königsfamilie mit dem Virus: Thronfolger Prinz Charles, 72, litt nur unter leichten Erkältungssymptomen. Schwerer hat es der Sun zufolge seinen 38-jährigen Sohn William im Frühjahr erwischt, der Palast wollte das nicht kommentieren. Die Queen, 94, und Prinz Philip, 99, blieben gesund.

Die beiden Senioren verbrachten ungewohnt viel Zeit gemeinsam auf Schloss Windsor in der Nähe von London – abgeschirmt von Corona-Gefahren und umsorgt von einer kleinen Schar von Höflingen. Dort fand auch das Weihnachtsfest statt. Normalerweise feiern sie mit der ganzen Familie auf dem Landsitz Sandringham.

Zum Landsitz in Ostengland gehört auch die rustikale Wood Farm, in der Prinz Philip eigentlich sein Rentnerleben genießt: Er malt, liest und fährt sogar noch manchmal auf dem Kutschbock. Der alte Herr liebt die Abgeschiedenheit. Doch um eine größere Party dürfte er im Sommer nicht herumkommen: Am 10. Juni wird Prinz Philip 100 Jahre alt. (dpa/mit schl.)