Der Name Wolfgang Petersen ist auch Leuten geläufig, die nicht ins Kino gehen. Fast jeder hat von seiner „Tatort“-Folge „Reifezeugnis“ mit der jungen Nastassja Kinski und von seinem Film „Das Boot“ (1981) gehört. 1987 ging der 1941 in Emden geborene Regisseur nach Hollywood und drehte dort ab den 1990er-Jahren Kinoerfolge wie „In the Line of Fire“, „Air Force One“ oder auch „A Perfect Storm“. Jetzt hat Petersen einen Film in Deutschland inszeniert. Über die Krimikomödie „Vier gegen die Bank“ (ab 25.12. im Kino) und Hollywood gibt er in einem Hotel am Gendarmenmarkt Auskunft.

Herr Petersen, „Vier gegen die Bank“ ist Ihr erster deutscher Film seit „Das Boot“ (1981). Den Filmtitel gibt es aber schon lange: 1976 haben Sie für die ARD eine gleichnamige Gaunerkomödie gedreht. Wie kam es nun zur Neuauflage?

Der Fernsehfilm erzählte von vier Leuten, die reich waren, es wieder werden wollen und deswegen eine Bank überfallen. Es ging um den Erhalt ihres sehr gehobenen Lebensstandards. Das wäre heute unmöglich; die Zuschauer würden sich nicht mit solchen Figuren identifizieren. Im neuen Kinofilm geht es daher um Folgendes: Ein Ex-Boxer, ein Marketingfachmann und ein leicht abgehalfterter Schauspieler haben ihr sauer Erspartes durch die skrupellosen Manipulationen eines Bankdirektors verloren, der so einen Anlageberater loswerden will. Die drei tun sich mit dem gekündigten Insider zusammen, um sich ihr Geld zurückzuholen.

Sie beleben die Figur des guten Gangsters wieder, die eine lange Tradition hat im Kino. Brecht sagte: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Genauso ist es! Aber wo Sie nach dem Grund für die Neuauflage gefragt haben: Auf Anraten meiner Frau Maria wollte ich mal eine Komödie fürs Kino machen. In dem Genre habe ich noch nie gearbeitet. Komödien sind schwierig: Man muss ein genaues Gehör für die Dialoge haben, fürs Timing und für Schwingungen. Man muss genau studieren, wie das die Großen der Komödie gemacht haben, Billy Wilder, Ernst Lubitsch… Billy Wilder habe ich noch persönlich kennen gelernt in Hollywood, den mochte ich sehr gern und bewunderte ihn. Die Frage war: Wann kommt ein Komödienstoff für mich? Und da hatte meine Frau diese Idee.

Sie hören gern auf Ihre Frau?

Ich sagte mir: Mensch, da könnte ich endlich mal wieder einen Film in Deutschland drehen. Das wollte ich unbedingt. Nach fast 40 Jahren! Aber ich dachte nicht daran, Regie zu führen; ich hatte Zweifel, mich selbst zu remaken; eher wollte ich produzieren. Dann besuchte mich Michael Bully Herbig – und die Geschichte stimmt tatsächlich – in Los Angeles und fand die Sache mit „Vier gegen die Bank“ interessant. Ich hatte mir Til Schweiger als Regisseur vorgestellt, aber dann rief Herbig drei Tage später an und sagte: „Ich hab schon mal mit den Jungs gesprochen!“

Er meinte die anderen drei Hauptdarsteller Matthias Schweighöfer, Til Schweiger und Jan Josef Liefers.

Und er sagte weiter: Wir würden es sofort machen – wenn Wolfgang Petersen Regie führt.

Sie haben mit Hollywood-Stars wie Clint Eastwood, Brad Pitt, George Clooney, Harrison Ford gedreht. Was unterscheidet das Arbeiten hier am meisten von dem in den USA?

Ich kann da keinen großen Unterschied sehen. Aber die Trailer des Teams, die ganze Maschinerie ist in den USA definitiv größer. Wenn man in Hollywood arbeitet, muss man quasi ein Monster dirigieren. Sie hätten dabei sein sollen, 2004, als wir „Troja“ gedreht haben – da ist eine Stadt bewegt worden! Mit all den Stars und Entouragen. Da geht es auch darum: Wer hat den Größten. Ich habe beim Dreh von „A Perfect Storm“ mal nur so aus Spaß den George Clooney, der ebenfalls ein Spaßvogel ist, gefragt, ob er auch so einen Whirlpool in seinem Trailer habe wie ich…

Er hat wohl gemerkt, dass er veralbert wurde. Worauf achten Sie bei der Schauspielerführung?

Ich passe auf, dass ich nicht viel von dem wiederhole, wie man die Schauspieler gemeinhin kennt. Vor den Dreharbeiten schaue ich mir immer einige ihrer Filme mit anderen Regisseuren an. So versuche ich einen frischen Blick zu wahren.

Gedreht wurde letzten Winter in Berlin. Hier haben Sie als einer der ersten Studenten an der 1966 gegründeten dffb studiert. Was war das für eine Zeit?

Sie war toll. Auch weil ich immer noch zwei Berlins sehe, wenn ich heute hierher komme. Den Ostteil Berlins kannte ich damals gar nicht. Ich hatte als Student ein kleines Apartment in der Hubertusallee in Zehlendorf. Heute bin ich mitunter etwas enttäuscht von Berlin: Dauernd wird rechts und links gebaut, aber es kommt einem so vor, als würde man nie ein Ergebnis sehen. Immer nur dieselben Baustellen, etwa hier Unter den Linden. Es sieht immer genau gleich aus. Einmal war ich ganz überrascht, als da auch Arbeiter waren!

Auch viele Berliner sind überrascht, wenn sie auf ewigen Baustellen plötzlich Arbeiter sehen.

Ich habe gehört, in Berlin gibt es eine Hotline, wo man anrufen kann, wenn man tatsächlich einen Arbeiter auf einer Baustelle bei der Arbeit sieht.

Ich fürchte, das ist ein Witz, Herr Petersen.

Aber ein guter Witz! Neulich war ich zum ersten Mal am Alexanderplatz und fand es nicht sehr beeindruckend. Berlin wirkt so chaotisch – speziell wenn man wie ich aus Los Angeles kommt, wo ein hohes Tempo herrscht, auch beim Bauen. Toll zu erleben, wie aus dem toten und gefährlichen Downtown L.A. ein kulturell lebendiges, vibrierendes Viertel wurde. Dass so viel passiert, dass gewissermaßen Ideen hochspringen, gefällt mir so gut an Amerika. – Aber irgendwas hat Berlin, nicht zufällig kommen ja so viele Leute hierher. Nur fühle ich mich eher am Kudamm zu Hause.

Und eben in Los Angeles. Wie waren dort Ihre Anfänge 1987?

Erst einmal passierte nix. Aber wir sollten in Santa Monica in einem Haus von Arnold Schwarzenegger wohnen dürfen. Es sei ihm eine Ehre, wurde uns beschieden. Dann kamen wir an, und das Haus war total leer. Nicht mal eine Rolle Klopapier. Aber Möbel und so weiter – das könne man doch alles leihen, wurden wir belehrt. Es war schon irre: Es gab Riesenläden nur mit Sachen zum Leihen. Nicht nur das war eine große Umstellung. Was das Haus anging, kam nach einem Monat unerwartet eine Rechnung: 6000 Dollar Miete plus 1000 Dollar Heizkosten für den Pool. So fing ich an in Hollywood. Dann kauften wir uns selbst ein Haus. Drei Jahre dauerte es noch, bis ich im Geschäft war.

Wie hat sich Hollywood verändert in den 30 Jahren, die Sie dort sind?

Besonders stark hat sich Hollywood in den vergangenen zehn Jahren verändert, durch die große Finanz- und Wirtschaftskrise. Gewissermaßen bin ich da mit vielen meiner Kollegen Opfer; ich habe in den USA seit zehn Jahren keinen Film mehr inszeniert. Die Studios wurden panisch wegen der Krise. Sie setzten fortan auf das, was sie für eine sichere Bank hielten: Superhelden-Filme und Filmfortsetzungen für ein weltweit weitgehend konformes Publikum. In Hollywood wird nur noch superteuer oder billig, im Independent-Sektor, produziert. Das mittlere Segment, etwa gut gemachte Action-Filme, brach weg. Eben das hatte zur Folge, dass in den USA das Fernsehen so stark wurde, weil viele Regisseure und Drehbuchautoren aus Hollywood zum Fernsehen gingen und da eine tolle Serie nach der anderen hervorbrachten. Aber das Kino kommt zurück. Weil es ein erwachsenes Publikum dafür gibt.

Sie drehten schon als Schüler 8mm-Filme. Woher diese Faszination?

Ich wuchs in den 1950ern in einem Niemandsland auf, ohne Orientierung. Die Vergangenheit wurde von den Erwachsenen nicht mehr erwähnt, die wollten klarkommen. Man bekam nicht wirklich Werte vermittelt. Im Kino begegnete ich hingegen nicht nur der Weite Amerikas, in den Western, sondern auch moralischen Fragen. Gary Cooper war wie in Vaterersatz für mich. Er war nicht der typische Held, in „High Noon“ spürt man, dass seine Figur Angst hat. Und trotzdem tut der Mann das Richtige – gegen diese Angst. Das hat mich als Zwölfjährigen geprägt. So etwas wollte ich auch vermitteln.

Ihre Filme bringen es zusammen auf 15 Oscar-Nominierungen. Eine gute Bilanz – oder?

Sagen wir so: Ich bin nicht unzufrieden. Nicht nur wegen der Trophäen. Vieles hat sehr viel Spaß gemacht, auch die Fernseharbeit. Man konnte was riskieren, was machen. Das fand ich toll.

Das Gespräch führte Anke Westphal.