Das gibt es sonst nicht: Eine Intendantin steht auf der Bühne und spricht von Widerstand, redet davon, wofür dieses Theater kämpfe, ohne Wenn und Aber, ohne jede Einschränkung: für die offizielle Anerkennung des Völkermords an den Armeniern. Ja, dergleichen gibt es nur am Gorki: Shermin Langhoff, die Intendantin, erhebt ihr Theater zum Tempel des Widerstands.

Der Stolz dringt aus jeder Silbe. Sie begrüßt aufgeregt „die vielen Parlamentarier“ im Publikum, bekannte Künstler, berühmte Freunde. Es folgt: eine Rede des Journalisten Harout Ekmanian. Er spricht über diesen Völkermord, begangen von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reichs vor 100 Jahren. Er erinnert an jene große Katastrophe, die von der türkischen Regierung noch immer nicht als solche anerkannt wird: „Ein Jahrhundert ist vergangen – so wenig hat sich geändert.“ Aber wie düster die Situation heute auch aussehen möge, sagt er, „die Kräfte für Frieden und Gerechtigkeit sind stärker“. Er ruft zum gemeinsamen Kampf gegen Rassismus, „für die Wiederherstellung der Menschenrechte und Würde“. Applaus. Bewunderung. Allseitige Zustimmung.

Was geschah im Frühjahr 1915?

Den großen Worten folgt – Theater. Es kann nicht anders als vor ihnen auf die Knie zu sinken. Widerstand fordert Gehorsam. Und doch gelingt diesem Theater etwas, das sich weder politisch noch widerstandslogisch verrechnen lässt: Es schafft historische Tiefe, lässt das Geschehene nicht zum bloßen Aufreger, nicht zum schieren Anlass wohlfeiler moralischer Empörung verkommen. Jedes Widerstehen beginnt mit Aufklärung, und Aufklärung bedeutet immer auch Wissen, Kenntnis, Einsicht in Hinter- und Vordergründe. Was geschah mit den gut zwei Millionen Armeniern im Frühjahr 1915? Wie konnte es zum Genozid kommen?

Hans-Werner Kroesinger, Fachmann für dokumentarisches Theater, hat sich Franz Werfels 1933 erschienenen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ zur Grundlage genommen, ein genau recherchierter, dabei überaus spannend zu lesender, ja ergreifender Roman, auch heute noch. Er erzählt die Geschichte von gut 5000 Armenieren, die sich der Vertreibung durch das türkische Militär widersetzen und auf ihren Hausberg, den Musa Dagh, den Mosesberg ziehen.

Im zweiten Teil dieses Zweistünders lässt Kroesinger, ungewöhnlich für ihn, einzelne Szenen spielen; es sind die stärksten. Ein Holzwall steht auf der Bühne, man hört von Nahrungsnot und überraschenden Siegen, hört wie die Widerständler wundersamerweise überleben, hört sogar die Parallelen zur Geschichte des Volkes Israel heraus, die Franz Werfel wichtig waren. Die stärkste Szene vielleicht: Das verzweiflungsknisternde Schweigen der sechs Spieler kurz vor der Rettung durch französische und britische Kriegsschiffe.

Zuvor, im ersten Teil: klassische Aufklärungsarbeit. Es thronen Aktenregale auf der Bühne, und es wird aus Akten gelesen. Briefe des deutschen Konsul Walter Rößler an Reichskanzler Bethmann Hollweg, Ausschnitte eines Vortrags von 1919 des Schriftstellers Armin T. Wegner, der den Genozid beschreibt. Ruth Reinecke spielt den deutschen Pfarrer Johannes Lepsius, der sich bei Enver Pascha (Till Wonka) für die Armenier einsetzt.

Die Botschaft dieser Szenen: Die deutsche Regierung wusste bestens Bescheid und hat dem Morden tatenlos zugesehen, weil man den Kriegspartner Türkei nicht verärgern wollte. Deutsche Schuld? Eindeutig gegeben. Und dass die Türkei den Völkermord bis heute offiziell als innenpolitische Zwangsmaßnahme kleinredet und das Völkermorden leugnet: eindeutig eine Verharmlosung. Genügend Gründe, um zum Widerstand zu rufen und Erinnerungspolitik zu betreiben.

Aber Kroesinger verzichtet auf die simplen Mechanismen der Schuldzuweisung, zeigt keine Fotografien, lässt kaum Erlebnisberichte verlesen: Die Geschichte soll nicht vom Speck der bloßen Emotionalisierung erstickt werden. Das Theater will Zusammenhänge aufdecken, nicht nur Schuld benennen. Mit „Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014“ hat Kroesinger im vergangenen Jahr von der Vor- und Nachgeschichte den Ersten Weltkriegs erzählt und eine ungute besserwisserische Mischung aus Pseudowissenschaft und Pseudotheater angerührt; diesmal dagegen: Theater, das auf offene Erinnerungswunden weist.

Erinnerung und Anteilnahme

Seltsam nur, dass diese geglückte Dramaturgie an einem Punkt aussetzt: Es werden Passagen aus einer Bundestagsdebatte von 2005 verlesen, die sich mit den „Massakern an den Armeniern“ beschäftigte. Überdeutlich wird ausgestellt, dass die Bundesregierung nicht willens ist, sie als Genozid im Sinne der UN-Konvention von 1948 anzuerkennen. Man wüsste gern genauer, warum. Ist es böser Wille? Unkenntnis? Ausweis einer zynischen Politik, die taktischen Interessen folgt? Sollen die deutschen Firmen vor Wiedergutmachungszahlungen geschützt werden, die damals am Völkermord mitverdienten? Das scheint Kroesinger nahelegen zu wollen, aber es bleibt diffus. Anders als sonst hüllt sich der Abend hier in undeutliche Moralwolken – er legt diesbezüglich keine Strukturen, keine Hintergründe offen.

Vielleicht wäre er damit überfordert. Vielleicht ist hierüber in den kommenden vierzig Tagen am Gorki mehr zu erfahren. Unter dem Titel „Es schneit im April“ wird sich das Haus umfänglich dem Gedenken an den Genozid an den Armenieren widmen: Vierzig Tage Widerstand gegen Vergessen, für eine Erinnerungspolitik der Anteilnahme.