„Ich heiße Michail Alexejewitsch German“, sagt der Erzähler eingangs und verspricht „ich werde euch erzählen, was Macht ist“. Die Verführung ist groß, bei einem neuen Roman eines Autors aus Belarus, der „Revolution“ heißt, anzunehmen, er müsse sich auf die Proteste gegen die Machtanmaßung Alexander Lukaschenkos beziehen. Zumal wenn man weiß, dass der erste Roman von Viktor Martinowitsch, „Paranoia“, kurz nach Erscheinen 2009 in seiner Heimat verboten wurde. Und auch, weil Martinowitsch seit Sommer vorigen Jahres mehrere Interviews aus Minsk gab, aus denen viel mehr Sorge als Hoffnung sprach.

Ein Schriftsteller in Belarus zu sein, bedeutet immer ein Stachel im Fleisch des Regimes zu sein, sagte er Ende September in einem Gespräch mit dem MDR, als es um seine Kollegin, die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, ging. Wie sie schreibt er auf Russisch. „Revolution“ erscheint nun noch vor dem Original auf Deutsch, demnächst immerhin auch in belarussischer Übersetzung. Aber nein, das Buch ist nicht brandaktuell. Es wirkt über die Region und die konkrete Zeit hinaus. Martinowitsch schreibt über ein Machtsystem und seine Bestandteile. Und insofern ist der Roman hilfreich, um die Verhältnisse in Belarus zu verstehen.

Im Moskau der Gegenwart

Der Charakter seines Romans ist phantastisch-dystopisch, thrillerhaft und politisch. Der Autor hat seine Figuren mit großen russischen Schriftstellern wie Lermontow („Ein Held unserer Zeit“) und Bulgakow („Der Meister und Margarita“) alphabetisiert, ihre Moral durch die korrupten Verhältnisse der postsowjetischen Jahre verdorben und sie in das Moskau der Gegenwart gesetzt.

„Ich bin Moskauer“, sagt der Erzähler: „Das heißt, ich bin vor sechzehn Jahren aus meiner kleinen Heimat, die aus Angst vor dem Hypnoseblick des polynesischen Zauberers durchgedreht ist, nach Moskau gezogen.“ Später wird er die Stadt erwähnen, von der er immer noch träume. Den Platz mit zwei Türmen, „geziert von finsteren Soldaten-, Arbeiter- und Bauernfiguren“, die er da sieht, deutet der Übersetzer Thomas Weiler als den Bahnhofsvorplatz von Minsk. Weiler, der bereits die Romane „Paranoia“ und „Mova“ von Martinowitsch übertrug, hat bewundernswert gründlich gearbeitet. Er lüftet nicht nur im Anhang zahlreiche Anspielungen, er erklärt auch weitere in dem Blog fussnoten.eu. Da finden sich Lieder, Bilder, Videos, die Lust zum erneuten Lesen der entsprechenden Stellen machen.

Foto:
Kasia Syramalot
Der Schriftsteller Viktor Martinowitsch, Jahrgang 1977.

Das erste Lesen bedeutet einen Rausch, eine Schleuderkammer, da kann man nicht immer auf Details achten. Aber manche fallen gleich ins Auge. Der Erzähler lehrt an der „Moskauer Europa-Universität“, gegründet von dem Philanthropen George Soros in einer Zeit, „da der Name Soros in Russland noch kein Schimpfwort war“. Der Autor selbst unterrichtet Geschichte und Politikwissenschaft an der Europäischen Humanistischen Universität, die im Jahr 2004 Belarus verlassen musste und nun ihren Sitz in Vilnius, Litauen, hat. Online-Lehre betrieb Viktor Martinowitsch, geboren 1977, schon vor der Pandemie. Aber dies nur nebenbei.

Nietzsche neu interpretiert

Der erzählende Michail German wird nicht einfacher Dozent für Architektursemiotik bleiben, sondern einen rasanten Aufstieg erleben und dabei beobachten, wie sich das Verhältnis der Studenten und des Uni-Personals zu ihm ändert, wie vormals Gleich- oder Höhergestellte zu buckeln beginnen: Macht kann nicht nur ihre Träger korrumpieren, sie erschafft Untertanen.

Hintergrund dafür ist eine Geschichte von brutaler Erpressung und Überwachung: German verschreibt sich mit einem teuflischen Pakt einer postsowjetischen Organisation, die nicht Organisation genannt werden möchte (denn Organisationen kann man verbieten), eher „eine Art Unterstützergemeinschaft“. Die aber streng hierarchisch organisiert ist, auf die Sekunde zuverlässig funktioniert, Geheimdienst-Mittel benutzt, grenzenlos über Immobilien und teure Autos verfügt.

Er ist selbst zunächst nur ein kleines Rädchen, an dem andere drehen. Zum Beispiel, als er vor Gericht als Zeuge auftreten muss, in einem bekannten „Prozess, der sich hinzog wie eine chronische Erkrankung“. Der Angeklagte und die Form der Verhandlung erinnern an den Putin-Widersacher Michail Chodorkowski. Damals ging es vordergründig um Geld, recht eigentlich um Macht. Der Ich-Erzähler weiß von dem Ganzen nicht mehr als die Antworten, die ihm zu geben befohlen sind: Nein, nein, ja, nein. Er durchlebt seinen Lügen-Auftritt wie einen Albtraum.

Der Kopf der Nicht-Organisation in „Revolution“ hat sich noch aus dem Sowjet-Politbüro hinübergerettet, ist ein Greis im Rollstuhl, der mit einem ekligen Ritual die Gefügigkeit seiner engsten Untertanen testet. Nietzsche lag falsch, behauptet er, den Menschen treibe nicht der Wille zur Macht, „sondern der Wille zur Unterordnung“. Doch Viktor Martinowitsch, der oft unerwartet  Humor aufblitzen lässt, hat seinen Helden und Erzähler nicht umsonst als Semiotiker eingeführt. Michail German kann Zeichensysteme lesen und sich also an einem bestimmten Punkt die Selbstständigkeit erhalten und seine eigenen Pläne verfolgen.

Er sagt: „Würde Lenin heute in Russland die Macht ergreifen, er würde mit der Erstürmung des Internets und Ostankinos beginnen“, also dem Sitz des Fernsehzentrums. Dass „Revolution“ heute nicht mehr überall so interpretiert wird wie zu Lenins Zeiten, haben jüngst die Bilder aus dem Kapitol in Washington gezeigt. Nein, man möchte nicht, dass dieses Buch aktuell ist, sondern es lieber als verdrehten Abenteuerroman aus einer erfundenen Gesellschaft erleben.

Das Buch

Viktor Martinowitsch: Revolution. Roman.
Aus dem Russischen von Thomas Weiler.
Voland & Quist, Berlin und Dresden 2021.
396 Seiten, 24 Euro

Dienstag, 19.1., 19.30 Uhr Point of No Return – Stimmen aus Belarus, mit Viktor Martinowitsch und anderen Autoren auf www.LCB.de