Erasure, das sind Vince Clarke und Andy Bell (rechts). 
Foto: Phil Sharp/Mute/Rough Trade/dpa

Berlin/New YorkWenn von typischen 80er-Jahre-Synthiepop-Bands die Rede ist, darf neben Depeche Mode und den Pet Shop Boys auch der Name Erasure nicht fehlen. Nicht nur, weil sich das britische Duo zur Mitte jener Dekade gegründet hat, sondern auch, weil es ihren Sound mitprägte. Jetzt haben Erasure mit „The Neon“ ein neues Album vorgelegt, auf dem sie zu ihren Kernkompetenzen zurückkehren. Der Multioktav-Sänger Andy Bell spricht in seinen Texten noch viel mehr als früher offen queere Themen an, Keyboarder und Studiotüftler Vince Clarke zeigt sein Geschick an Knöpfchen und Reglern – und liefert Sounds, die schon seine Arbeit bei Depeche Mode und Yazoo unverwechselbar machten. Wir haben den 60-jährigen Briten in New York erreicht.

Berliner Zeitung: Mister Clarke, Sie leben seit etwa 15 Jahren in Brooklyn. Wie fühlt sich das Corona-Leben in New York für Musiker an?

Vince Clark: Die Leute gehen sich auf dem Bürgersteig aus dem Weg, das hat es vorher nicht gegeben. Aber mal im Ernst, es ist natürlich schrecklich deprimierend. Ich habe Covid-19 am Anfang nicht sehr ernst genommen, hätte nie gedacht, dass es mich so stark betreffen könnte. Zum Glück habe ich mein Kellerstudio, in dem ich von zu Hause aus Musik machen kann. Dazu kommt, dass ich viel mehr Zeit zum Musikhören habe. Ich mache beispielsweise mit einem Freund alle zwei Wochen eine Radiosendung, in der vor allem elektronische Musik läuft. Dafür habe ich in letzter Zeit viel entdeckt. Und ich liebe die Podcasts, die Paul Simon seit dem Lockdown von seinem Apartment aus macht. Ich bin ein großer Paul-Simon-Fan.

Sicherlich haben auch Sie zahlreiche Tourdaten abgesagt? Schließlich ist ja soeben Ihr neues Album „The Neon“ erschienen.

Richtig. Gerade jetzt wären wir sogar in Deutschland unterwegs gewesen. Wir sollten Großbritannien, Festland-Europa, Nord- und Südamerika bereisen. Alles auf nächstes Jahr verschoben.

„Nerves of Steel“ vom aktuellen 19. Studioalbum der Band.

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Haben Sie erwogen, die Veröffentlichung des Albums ebenfalls zu verschieben?

Oh ja. Doch wir haben uns dagegen entschieden, da Musik den Menschen Trost spendet. Ich weiß jedenfalls von mir selber, wie sehr es mir bisher durch die Krise geholfen hat, mich weiterhin mit Musik umgeben zu können.

„The Neon“ hat im Vergleich zum Vorgänger „World Be Gone“ passenderweise auch eine positivere Grundstimmung. Während jenes Werk wie eine Reaktion auf die düsteren politischen Ereignisse des Jahres 2016 wirkt – das Brexit-Referendum, die Wahl Donald Trumps, der andauernde Aufstieg rechter Parteien und Gruppierungen – scheint das neue Album eher eine Party-Platte zu sein. War das eine bewusste Entscheidung?

Ja, schon. Ich glaube, wir wollten nach „World Be Gone“ einfach etwas Hoffnungsvolleres machen. Als Musiker sagt man eben oft: Das haben wir jetzt abgehakt, jetzt muss etwas neues kommen. Das Album war übrigens vor Beginn der Pandemie fertig gemischt, die hatte also keinen Einfluss darauf.

Sie gelten seit Ihrer Zeit bei Depeche Mode als Klangtüftler und Elektropop-Pionier. Wo heutzutage andere ihre elektronischen Sounds längst nur noch mithilfe von Software produzieren, benutzen Sie weiterhin bevorzugt alte Analog-Synthesizer. Gibt es bestimmte Geräte, die besonders gut darin sind, düster-dystopische Sounds von sich zu geben und andere, die mehr nach Party klingen? Oder ist so ein alter Synthie vielseitig genug für beides?

Die Dinger sind in der Regel sehr vielseitig. Man muss nur lange genug an ihnen herumdrehen. Wenn wir an neuen Songs arbeiten, produzieren wir Demos am Computer vor, mit Software-Klanggeneratoren. Danach nehme ich die Instrumentalspuren mit meinem analogen Equipment auf. Der Hauptgrund, aus dem ich vor allem analoge Synthesizer benutze, ist, dass sie unvorhersagbar sind. Man probiert zum Beispiel, einen Sound zu bekommen, der an Streicher erinnert – vielleicht hatte man in der Demo-Version Streicher-Samples – und bekommt etwas, dass zwar nicht wie Streicher, aber dafür ziemlich cool klingt – und weiß oft gar nicht so genau, wie man dahin gekommen ist. Ich liebe diese Art des Entdeckens.

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Zur Person

Der gebürtige Londoner Vince Clarke (60) gründete die Bands Depeche Mode, Yazoo, The Assembly und Erasure.

Nach dem Ausstieg bei Depeche Mode und der Auflösung von Yazoo gab Clarke 1985 eine Anzeige im Magazin Melody Maker auf, in der er nach einem Sänger suchte. Aus Tausenden von Bewerbern entschied er sich für Andy Bell, mit dem er seitdem als Duo Erasure auftritt. Die Band veröffentlichte 19 Studioalben, verkaufte über 25 Millionen Platten und hatte 40 Hitsingles, wie „A Little Respect“, „Always“ und „Ship of Fools“.

Clarke ist seit 2004 mit der Amerikanerin Tracy Hurley, Schwester der Independent-Filmemacherin Tonya Hurley, verheiratet. 2005 wurde ihr Sohn geboren. Die Familie lebt in New York.

Den Gesang nahm Ihr Bandkollege Andy Bell in einem Studio in Atlanta auf.

Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass wir mal wieder in einem richtig schönen, professionellen Studio aufnahmen. Sonst entstehen unsere Alben immer in New York im Kellerstudio. Aber Freunde hatten uns nach Atlanta vermittelt und es war eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre.

Andy Bell beschreibt im Pressetext zum Album eindrücklich, wie er mit seinem Ehemann zu den Aufnahmen im Auto aus Florida anreiste und dabei den tiefen Süden der Vereinigten Staaten durchquerte – mit vielen Radioevangelisten und homophoben, christlich-konservativen Plakaten am Straßenrand. Erasure und insbesondere Andy Bell gelten als LGBT-Ikonen. Was haben Sie, die auch mal ein Album mit Country-Liedern aufnahmen, für ein Verhältnis zu Gegenden wie den Südstaaten der USA?

Wissen Sie, in den Südstaaten waren wir eigentlich immer besonders erfolgreich. Die größten und am meisten umjubelten Konzerte überhaupt geben wir in Texas. Wir haben dort eine besonders große, loyale Fangemeinde. Entgegen dem Klischee gibt es dort nicht nur rechten Sumpf, sondern eben auch unzählige tolle, kreative Menschen.

Apropos unzählige tolle, kreative Menschen – haben Sie ein besonderes Verhältnis zu Berlin?

Nun, als wir mit Erasure anfingen, hatten wir zwar in Deutschland früher als anderswo Erfolg. Aber in Berlin kamen wir zunächst nicht besonders gut an. Wir waren wohl nicht cool genug! Das hat sich über die Jahre dann aber schon geändert. Ich erinnere mich, wie wir Anfang November 1989 auf Deutschland-Tournee waren. Am Tag des Mauerfalls waren wir in Hamburg und verfolgten im Fernsehen das Geschehen. Wir wussten: Morgen fahren wir nach Berlin und treten dort auf! Es war sehr aufregend. Wir riefen den Veranstalter an und fragten ihn, ob Ost-Berliner beim Eintrittspreis zu unserem Konzert einen Rabatt bekommen könnten. Das hat er dann gemacht und es wurde ein sehr besonderer Abend. Später kamen wir dann nach Berlin, um hier an der Musik für diverse Alben zu arbeiten. Wir sind der Stadt also durchaus verbunden.

Noch eine Frage zum Abschluss: Was hat es eigentlich mit dem Titel „The Neon“ auf sich?

Oh, die Idee kam uns, als wir in Walthamstow in Nordost-London ein Fotoshooting in einer Galerie von jemandem hatten, der Neon-Schriftzüge und -schilder sammelt. Es war unglaublich inspirierend. All diese Schriften aus vergangenen Zeiten, den Fünfzigern oder den Achtzigern. Man kam sich ständig vor wie in einem alten Film. Und „The Neon“ kann eben auch ein Wunsch-Ort sein, den sich jeder so ausmalen kann, wir er oder sie ihn möchte. Das gefiel uns als Zusammenfassung des Albums. Und es passte dann auch zur Corona-Zeit.