Amanda Gorman, 23, schreitet bei der Verwertung ihrer vielen Talente weiter voran. Die Dichterin und Aktivistin, die im Januar bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Joe Biden einen weltweit beachteten Auftritt hatte und seitdem als Ikone eines besseren, künftigen Amerikas herumgereicht wird und als politisch-poetischer Shootingstar den bisweilen betulichen Literaturbetrieb ordentlich auf Trapp hält – die junge Frau ziert jetzt auch das neue Cover der US-Modeschrift Vogue. Und weil die hellwache Gorman sehr genau weiß, was da gerade mit ihr passiert, klärt sie uns per Instagram gleich über die Bedeutung auf: Sie sei die erste Poetin auf dem Titelblatt der Modezeitschrift.

Gorman ist nach vielen Seiten anschlussfähig und also vermarktbar

Die Platzierung auf dem Vogue-Cover ist nur konsequent, schließlich konnte und musste Gormans denkwürdiger Inauguration-Auftritt auch als ein so geschmackssicheres wie wirkungsbewusstes und vor allem leidenschaftliches Modestatement verstanden werden. Bei der Lesung ihrer Gedichts „The Hill We Climb“ trug sie einen Mantel von Prada in grell-leuchtendem Gelb und dazu einen knallroten überdimensionierten Haarreifen aus Satin, der wie eine Krone wirkte – oder wie ein Zitat jener Pillbox-Hüte, die bekanntlich das Markenzeichen Jackie Kennedys waren. Wie auch immer, Gorman ist sehr vielseitig und deswegen auch nach vielen Seiten anschlussfähig und also vermarktbar.

Auf dem Cover der Vogue trägt die Frau ein orange-grünes Gewand. Dieser Entwurf des („bahnbrechenden“) schwarzen Designers Virgil Abloh ehre ihre Herkunft, schreibt die Afroamerikanerin auf Instagram – Abloh ist der künstlerische Leiter für Herrenmode bei Louis Vuitton. Im Heftinneren posiert Gorman unter anderem in einem rosa Tüllkleid von Alexander McQueen. Auch über den künstlerischen Rang der Modestrecke ist sich Gorman im Klaren: „Es ist ein Traum gewesen, von der unbeugsamen Annie Leibovitz fotografiert zu werden.“ Gorman scheint im (vorwiegend) weißen Kunst- und Mode-Establishment angekommen zu sein. Und fühlt sich offenkundig wohl hier.

Das dürfen wir auch als Reflex auf die eher politisch-poetologischen Diskussionen der letzten Zeit verstehen, bei denen es ja um die Frage ging, ob das literarische Werk einer schwarzen Dichterin weißen und/oder männlichen Übersetzern überlassen werden darf. Gorman scheint davon weit entrückt: „Wow, meine Hände zittern vor Liebe“, schrieb sie. „Dies nennt man zwar den Aufstieg von Amanda Gorman, aber er ist wirklich für alle von euch, die mich erheben, sie seien nun namentlich genannt oder unsichtbar.“