Andra Day, 36, hat mit ihrer Rolle als Billie Holiday einen furiosen Einstand als Schauspielerin gegeben. Davor war die Sängerin mit leidlichem Erfolg im Soul- und R&B-Genre unterwegs, zeigte sich aufgeschlossen für Rock und HipHop und konnte mit „Cheers to the Fall“ (2015) auch ein – nicht sonderlich aufregendes – Album vorlegen. So weit, so beschaulich. Doch seitdem sie in „The United States vs. Billie Holiday“ (2021) zum ersten Mal vor der Kamera gestanden hat und sogleich für den Oscar nominiert wurde, veränderte sich ihr Leben schlagartig.

Wilde Mischung aus Privatem und Politischem

Das sagt Day selbst, wenngleich die Änderung in eine unerwartete Richtung ging, wie sie nun dem Promimagazin InStyle in einem intimen Geständnis anvertraute: „In Billies Haut zu stecken, hat mir ein ganz neues Verständnis von Sexualität gegeben. Damit habe ich mich vorher immer sehr schwergetan. Ich hatte Probleme in meinem Leben und wollte deswegen durch die Rolle auf keinen Fall sexualisiert werden.“ Day spricht hier nicht über die atemberaubende Wende in ihrer Karriere, sondern ihr Seelenleben – das sie ganz über Billie Holiday definiert.

Doch von welchen „Problemen“ ist hier die Rede? Antwort: „Ich habe in meinem Leben gegen Porno- und Sexsucht kämpfen müssen.“ Days Lust an der Selbstoffenbarung, ihr Geständniszwang ist erstaunlich, beinahe scheint es, als müsse sie angesichts ihres allzu makellosen Erfolgs als Schauspielerin unbedingt noch etwas Human Touch nachliefern, ein Quantum Menschlichkeit und Fehlbarkeit – weil nur das im Starsystem von Hollywoods den weiteren und womöglich größeren Erfolg ermöglicht. Ist das Akzeptanzsteigerung durch Authentizitätsverstärkung?

In jedem Fall ist es eine wilde Mischung aus Privatem und Politischem. Day fühlt sich Billie Holiday tief verbunden. Dass hängt auch damit zusammen, so sagt sie, dass sich die legendäre Sängerin ihre ganze Karriere hindurch in einer Männerdomäne – nämlich dem Jazz – habe behaupten müssen und bis zuletzt nach ihrem Aussehen bewertet, also „hypersexualisiert“ und als Frau dadurch fremdbestimmt worden sei: „Ich glaube, dass ich sie dadurch ehre, dass ich ihre Weiblichkeit als Stärke darstelle. Billie hat mir ein neues inneres Selbstbewusstsein gegeben.“

Im Ergebnis kann sie heute sagen: „Ich wertschätze mich endlich selbst genug!“ Kurzum, Day erlebte bei den Dreharbeiten einen persönlichen Durchbruch. Leben und Arbeit wurden eins – ein spätkapitalistisches Glück geradezu, eine ausgedehnte, prinzipiell unendliche, selbst optimierende und auch noch gut bezahlte Therapiesitzung. Die wenn schon nicht mit dem Oscar, so doch mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde.