Anja Rützels Kolumne: Eine neue Stufe von gnadenlos

Rod Stewart weigert sich, in Katar aufzutreten, und Cathy Hummels widmet ihrer zerbrochenen Ehe ein Schmalzvideo: die Woche mit Anja Rützel.

Ehrenmann: Rod The Mod zeigt Haltung.
Ehrenmann: Rod The Mod zeigt Haltung.dpa

Frau Rützel, wer hat Sie diese Woche wütend gemacht?

Elon Musk. Während ich diese Kolumne schreibe, herrscht auf Twitter, meiner allerliebsten digitalen Zeitverschwendungsheimat Untergangsstimmung: Musk hat das Unternehmen nach seiner Übernahme in kürzester Zeit mit solchem Karacho an die Wand gefahren, dass man sich nicht mal vorstellen kann, dass die Plattform das Wochenende überlebt. Ich habe auf Twitter Menschen lieben, andere hassen gelernt, mich über ein paar Zeilen völlig fremder Menschen kringelig gelacht und über andere bitterlich geweint und noch viel mehr – ja, ich habe dort in den letzten Jahren sehr viel Zeit verbummelt, aber es hat sich immer irgendwie gelohnt. Wenn das nun vorbei sein soll, bin ich deswegen so wütend auf Elon Musk, wie ich es in diesem Jahr an dieser Stelle vielleicht noch nie war.

Anja Rützel und Hund Juri
Anja Rützel und Hund Juriprivat

Ein kleiner Trost ist vielleicht, dass Rod Stewart sehr ehrenpromihaft gehandelt hat: Er hat ein lukratives Angebot abgelehnt, bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar aufzutreten.

Es gibt sie noch, die stabilen Promis! Das finde ich wirklich sehr gut von ihm. Seinen Angaben zufolge hat man ihm mehr als eine Million Dollar für einen Auftritt geboten. Ich mag auch seine simple Begründung für seine Absage: „Es ist nicht richtig, hinzugehen“, sagte er im Interview mit der Sunday Times. Zu meinem großen Kummer positionieren sich ja leider nicht alle so klar gegen die Menschenrechtsverletzungen in Katar. David Beckham zum Beispiel, der sich seine Werbetätigkeiten für das Land jährlich angeblich mit zehn Millionen Pfund entlohnen lassen soll. Für mich als Take-That-Verehrerin ist es besonders bitter, dass Robbie Williams wohl sogar einen Besuch bei der WM vor Ort plant: Er sei ein Fußballfan, sagte er, und der Rest sei Sache der Fifa. Ich finde diese Haltung wahnsinnig privilegienverwahrlost.

Bleiben wir im allerweitesten Sinn beim Fußball: Haben Sie das Instagram-Abschiedsvideo gesehen, das Cathy Hummels ihrer zerbrochenen Ehe mit Mats widmete?

Leider ja. Ich esse seit Tagen trockenen Pumpernickel, aber ich kriege den Schmalzfilm nicht weg, der meinen Körper seitdem hartnäckig auskleidet. Den Bilderreigen auch noch mit James Blunts Epochalschluchzer „Goodbye My Lover“ zu unterlegen, ist nochmal eine ganz neue Stufe von gnadenlos, leider wohnt der Refrain seitdem mietfrei in meinem Kopf.

Schlimm! Denken Sie jetzt einfach ganz fest an die „Hello, hello, hello, how low“-Stelle aus „Smells Like Teen Spirit“, um den Ohrwurm wieder loszuwerden. Eine zertrümmerte Gitarre von Kurt Cobain wurde grade für 486.000 Dollar versteigert, wären Sie interessiert gewesen?

Nicht wirklich, obwohl das natürlich ein Schnäppchen war – vor ein paar Jahren brachte seine legendäre Martin D-18E Akustik-Elektrogitarre, die er bei Nirvanas Aufnahme von „MTV Unplugged“ spielte, gute sechs Millionen Dollar. Andere Stücke der dreitägigen Promikram-Auktion fand ich deutlich interessanter als das Trümmerinstrument, zum Beispiel die ausgetretenen Birkenstock-Schlappen von Steve Jobs, die für 218.000 Dollar weggingen. Am liebsten hätte ich aber vergangene Woche bei einer anderen Auktion geshoppt, nämlich bei der Nachlassversteigerin der Autorin Joan Didion, die ich sehr verehre. Leider lagen die Preise natürlich auch hier in völligem Fantasiebereich: Eine ihrer Sonnenbrillen erzielte 27.000 Dollar, ein Ölgemälde-Porträt der Schriftstellerin, das im Vorfeld nur auf 5000 Dollar geschätzt worden war, ging für 11.000 Dollar weg. Selbst für einen Stapel leerer Notizbücher musste man 11.000 Dollar hinlegen. Schade, ich hätte gerne einen Schrein um sie herum gebaut.

Was macht eigentlich Helene Fischer?

Wie so oft weiß man das nicht ganz genau, aber ich denke, sie verpasst gerade noch ihrem WM-Boykott-Song den letzten Schliff beziehungsweise Wumms. Nachdem sie ihre Reichweite ja regelmäßig nutzt, um sich gegen schwere Missstände zu positionieren, wird sie dieses Mal sicher nicht schweigen.

Die Fragen stellte Christian Seidl.


Anja Rützel ist freie Autorin und schreibt vor allem über Fernsehen und Tiere. Für die Berliner Zeitung am Wochenende beobachtet sie die wunderliche Welt der Promis.