Anja Rützels Kolumne: Kein Bock auf den Bachelor-Balzbock

RTL will keine „Passion“ mehr, Boris Becker coacht seine Mitknastis, und Christina Aguilera hat ihren größten Hit upgedated: die Woche auf dem Boulevard.

Zeitlose Schönheit: Christina Aguilera.
Zeitlose Schönheit: Christina Aguilera.imago Images

Frau Rützel, wer hat Sie diese Woche wütend gemacht?

Die Programmverantwortlichen von RTL, die beschlossen haben, dass es im nächsten Jahr keine Neuauflage des völlig übergeschnappten biblischen Musikmumpitzes „Die Passion“ geben wird. Ich hatte mich darüber diese Ostern bei der Premiere köstlich amüsiert und seitdem immer wieder mal darüber spekuliert, wer denn nächstes Jahr Alexander Klaws in der Rolle des Heilands nachfolgen würde (und mir abwechselnd einen „Bachelor“-Balzbock oder doch Cosimo aus dem „Sommerhaus der Stars“ gewünscht). Als die offizielle Absage vergangene Woche publik wurde, war ich wirklich sehr sauer. Die Queen ist tot, mein liebster Social-Media-Emu Emmanuel Todd Lopez ist lebensgefährlich an Vogelgrippe erkrankt, und nun auch noch das.

Das ist jetzt vielleicht kein Trost, aber wenigstens Boris Becker geht es gut. Sein Anwalt sprach vergangene Woche über seine Haftbedingungen, und anscheinend arrangiert sich Becker ganz gut mit seinem Leben im Gefängnis.

Er soll zumindest bei seinen Mitinsassen recht beliebt sein und auch mit ihnen trainieren, habe ich gelesen. Das ist möglich, weil das Gefängnis Huntercombe eine niedrige Sicherheitsstufe hat, weil man bei den Gefangenen dort keine Fluchtabsichten unterstellt. Ich wüsste natürlich gerne mehr Details, vor allem über Beckers Tätigkeit als Laiencoach: Er soll seine Mithäftlinge wohl nicht nur in Fitness- und Ernährungsfragen beraten, sondern ihnen auch Tips zum Thema Disziplin und Krisenmanagement geben, und das finde ich im Zusammenhang mit Insolvenzstraftaten dann doch ganz interessant. Vielleicht würden mich Beckers Lehren ja dazu motivieren, mein eigenes Coachprogramm mit den Schwerpunkten „Morgens erst mal fünf Kilometer joggen“, „Nicht so viel Schund im Fernsehen glotzen“ und „Texte überpünktlich abgeben“ zu entwickeln.

Anja Rützel und Hund Juri
Anja Rützel und Hund JuriPrivat

Christina Aguilera hat ihren 20 Jahre alten Hit „Beautiful“ upgedated, besser gesagt: das dazugehörige Musikvideo, von dem sie nun eine neue Version veröffentlicht hat. Finden Sie, dass man Kunst regelmäßig renovieren sollte?

Das nun nicht gerade, aber ich finde ihren Ansatz gut, die Botschaft ihres Liedes mit Bildern zu verdeutlichen, die junge Menschen heute vielleicht deutlicher anspricht als das ursprüngliche Video. Der Text „You are beautiful, no matter what they say“, auf deutsch „Du bist schön, was auch immer sie sagen“, ist ja komplett zeitlos und galt 2002, als der Song erschien, genauso wie heute. Im Originalvideo reißt ein Mädchen Seiten aus einem Modemagazin heraus und verbrennt sie, in der aktualisierten Fassung sieht man dagegen junge Menschen, sie sich von den Bildern auf ihren Smartphones verunsichern lassen, wo sie Muskelmänner und operationsoptimierte Frauen sehen. Viele Phänomene auf Social Media haben nun mal die Sicht auf unsere Körper verändert und unserer mentalen Gesundheit damit sicher nicht genutzt. „Heutzutage ist es schwieriger denn je, unsere eigene Stimme zu hören, wenn so viele andere mit ihren Botschaften in unsere Feeds und Köpfe drängen“, schreibt Aguilera dazu, und damit hat sie auf jeden Fall recht.

Was macht eigentlich Helene Fischer?

Ich glaube, sie schlägt gerade in der Bibel nach, was ihre Lieder bedeuten. Der Kölner Pfarrer Edward Balagon hat nämlich mit der Katholischen Nachrichten-Agentur darüber gesprochen, welche christlichen Botschaften sich in Fischer-Texten finden lassen. Er sei selbst ein Fan von ihr, sagte Balagon, und analysiere ihre Botschaften darum auch in seinen Predigten. Zum Beispiel könne man das Lied „Die erste deiner Art“ so interpretieren, dass jeder Mensch einzigartig und von Gott geliebt sei. Für mich als alte Klosterschülerin klingt das absolut plausibel. In „Atemlos“ gibt es ja auch die Zeile „Komm, wir steigen auf das höchste Dach dieser Welt“, und bei der Live-Aufführung von „Die Passion“ in Essen, bei der ich dieses Jahr natürlich vor Ort war, hat sich der auferstandene Jesus Klaws der Menschenmenge am Ende auch auf einem sehr hohen Haus gezeigt – ein erhabener Moment.

Die Fragen stellte Christian Seidl.

Anja Rützel ist freie Autorin und schreibt vor allem über Fernsehen und Tiere. Für die Berliner Zeitung am Wochenende beobachtet sie die wunderliche Welt der Promis.