Eve Campagne, 36, ist eine begnadete Bühnenarbeiterin – und als Tänzerin und Leiterin des Clubs The Bunny Burlesque St. Pauli weit über die Grenzen des Hamburger Kiezes hinaus bekannt. Allerdings musste sie den Club im Zuge der Corona-Maßnahmen schon vor geraumer Zeit schließen. Doch auch wenn die Künstlerin das Rotlicht vermisst, hat sie sich entschlossen, nicht über den Lockdown zu jammern, sondern etwas Sinnvolles zu tun: „Da ich ein aufgewecktes altes Mädchen bin und nicht gerne rumsitze, habe ich mir gedacht, dass ich persönlich für die Beendigung der Pandemie sorge, indem ich helfe, den Impfstoff zu verteilen.“

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Eve Champagne als „Kiezgröße“ und Impfhelferin in den Hamburger Messehallen.

„Es war die große Liebe, die mich hierher gebracht hat. Ich habe die Pandemie meines Lebens“, erzählt Champagne augenzwinkernd. Mit ihrem Freund teile sie inzwischen eine Wohnung. Von ihm stamme auch so manche Idee, wie sich in den schwierigen bühnenlosen Corona-Zeiten auf andere denn auf künstlerische Weise Geld verdienen lässt: „Ich habe im letzten Jahr im Frühjahr als Spargelstecherin angefangen, als die Erntehelfer ausgeblieben sind. Und dann habe ich über meine neue große Liebe einen Job als Kurierfahrerin für Corona-Tests vom Berliner Flughafen nach Hamburg ins Labor im UKE bekommen.“

Eve Champagne: „Ich kann die Welt retten“

Nun ist sie Teil des Care-Teams in den Hamburger Messehallen, in denen ein riesiges Impfzentrum eingerichtet wurde. „Ich begleite die älteren Herrschaften durch den gesamten Impfprozess.“ Und notfalls auch mit dem Rolli zum Klo. „Dabei habe ich schon so viele schöne Geschichten gehört – von Kriegsveteranen oder von alten Damen am Rollator, die ganz aufgeregt sind und mich auf der Bühne sehen wollen, wenn sie hören, dass ich Revuetänzerin bin.“ Viele der älteren Impfwilligen seien auch einsam. „Und wir Künstler wurden einsam durch die Pandemie. Man nimmt sich hier nichts, sondern man gibt sich viel.“

Champagne fühlt sich in ihrem neuen Job als Impfhelferin offenbar sehr wohl und im Kollegium zu Hause. „Ich schätze, dass 30 bis 40 Prozent der Leute hier vom Kiez kommen, in der Logistik sind 80 Prozent Veranstaltungstechniker. Die haben im Moment ja alle Zeit und sie haben Bock, hier zu arbeiten.“ Es sei für sie „ein Seelenheil, wieder neue Menschen, neue Gesichter und neue Geschichten kennenzulernen“ und endlich wieder alte Kiez-Freunde zu treffen. Berührungsängste kennt sie nicht. „Ich lebe grundsätzlich außerhalb meiner Komfortzone, weil man da am meisten erlebt und die coolsten Menschen kennenlernt.“

Außerdem sei sie „Philanthrop, ein Menschenliebhaber und ich habe immer mehr Liebe zu geben, als ich selber vertragen kann.“ Den Traum vom Leben als Revue will sie aber nicht aufgeben. „Ich kann die Welt retten und auf die Bühne gehen, habe ich beschlossen.“ (mit dpa)