Berlin/London - Vor sechs Jahren griff eine Unbekannte nach den Sternen. In der neuen Folge des Kultstreifens „Star Wars“ führte die junge Britin Daisy Ridley Millionen Fans an, mit ihr in eine weit, weit entfernte Galaxie zurückzukehren. „Das Erwachen der Macht“ machte aus der damals 23-jährigen Newcomerin die Actionheldin Rey, die es mit Luke Skywalker, R2-D2 und natürlich auch mit Harrison Ford aufnahm.

Der britische Akzent ist geblieben, auch ihre Spontaneität, Freundlichkeit und Entspanntheit hat Daisy Ridley nicht eingebüßt, obwohl sie heftig aus der Anonymität herauskatapultiert wurde. Jetzt ist Ridley diejenige, die in der Hauptrolle des Apokalypse-Dramas „Chaos Walking“ (jetzt im Kino) für den ersten Blockbuster des Sommers sorgen soll. Wir verabreden uns virtuell mit der 29-Jährigen zum Interview.

Berliner Zeitung: Miss Ridley, sind Sie als „Star Wars“- Ikone und Zukunftsprofi ein Technikfreak, der täglich mit Zoom umgeht?

Daisy Ridley: Gar nicht. Ich habe keinen Schimmer, wie das funktioniert. Ich kann eine Nummer wählen und ich kann Zeitung lesen. Damit hat es sich auch wieder.

„Chaos Walking“ soll der große filmische Paukenschlag werden, mit dem Hollywood die Rückkehr ins Kino feiert. Sie spielen darin die einzige weibliche Überlebende einer Naturkatastrophe. Würden Sie ihn als feministischen Film bezeichnen?

Der Gedanke, wie es sein müsste, die einzige Frau auf der Welt zu sein, ist schon einschüchternd. Aber was der Film über die Welt sagt, scheint mir aktueller denn je: In unserer Gesellschaft existiert eine Spaltung. Die Menschen gehen auf Abstand zu Menschen, die sie nicht kennen. Sie mögen nicht, was sie nicht kennen. Der Film verrät auch viel über Männer und Frauen – und wie es sich anfühlt, auf sich allein gestellt zu sein und plötzlich vor Widrigkeiten zu stehen, auf die man in keiner Weise gefasst war.

Dabei wurde der Film nicht erst im Jahr der Pandemie gedreht. Wie fühlt es sich für Sie als Londonerin an, im London von 2021 zu leben?

Wir leben schon in beängstigenden Zeiten. Die Nachrichten wühlten mich oft auf, gerade gegen Ende letzten Jahres wurde es mir fast zu viel. Vielen ging’s wohl ähnlich. Ich hoffe, wir haben jetzt wirklich wieder bessere Zeiten vor uns. Ich sehne mich so sehr nach ganz normalen sozialen Begegnungen, einfach Bekannte auf der Straße zu treffen und einen Plausch zu halten.

Und wie sieht es mit dem Reisen aus, der Berührung mit anderen Welten?

Ich sehne mich bereits nach einem normaleren London! Ich lebe etwas außerhalb und war zu Beginn des ersten Lockdowns zum letzten Mal in der Stadt. Ich musste nach Soho, wir hatten noch Tonaufnahmen im Studio zu erledigen. Es war so seltsam, die leere Stadt zu sehen – niemand war auf der Straße. London war wie ausgestorben. Gruselig. Ich freue mich, dass nun das Leben zurückkommt und die Stadt wieder anfängt zu brodeln.

Konnten Sie in dieser pandemiegetriebenen Zeit dennoch Dankbarkeit und Glück empfinden?

Jeden Tag. Ich weiß, was für ein Glück ich habe. Ich habe Bekannte, deren ganze Welt durch Covid auf den Kopf gestellt wurde, die Familienmitglieder verloren haben. Einer meiner Freunde hat alle seine Jobs verloren, er ist selbstständiger Künstler. Er sieht noch kein Licht am Ende des Tunnels, dazu müssten die Bühnen wieder öffnen. Und viele Menschen leiden unter häuslicher Gewalt – das ist eine schreckliche Situation. Ich bin unendlich dankbar, dass es mir und meiner Familie so gut geht.

2015 wurden Sie zur neuen Protagonistin der berühmtesten aller Sternensagas. Wie hat sich Ihr Leben seitdem geändert? Teilt es sich in vor und nach „Star Wars“?

Ja, das kann ich bestätigen. Damals haben mir viele Leute prophezeit, dass sich mein Leben nun vollständig verändern würde, alles würde auf den Kopf gestellt werden – und für mich klang das immer wie eine Warnung. Es hat mich ziemlich verschreckt und verängstigt. Heute würde ich sagen, dass sich ganz andere Dinge verändert haben als erwartet. Ich wollte nicht einsehen, dass ein Film mein Leben einschränken könnte. Inzwischen weiß ich, dass ich Veränderungen in meinem Leben sowieso nicht hätte aufhalten können. Ich war damals ja auch erst 21 Jahre alt. Es wäre verrückt zu glauben, dass sich in diesem Alter das Leben nicht verändert.

Imago
Inzwischen hat sie das Lichtschwert an den Nagel gehängt: Daisy Ridley als Schrottsammlerin Rey.

Welche Dinge haben sich unerwarteterweise verändert?

Viele meinten, dass ich nicht mehr allein vor die Tür gehen könnte, ohne belagert zu werden. Deshalb hatte ich plötzlich Angst davor, U-Bahn zu fahren, auch wenn das völlig irrational war. Als ich mich erst mal überwand rauszugehen, merkte ich, dass ich sehr gut klarkomme. Nichts von all der Unkerei erwies sich als wahr. Ich bin mir sicher, dass die Ratschläge mir nur helfen sollten. Aber sie haben sie mich in den Wahnsinn getrieben.

Ihre ganzen Sorgen waren also unnötig?

Ja, ich kann bis heute viel mehr unternehmen als befürchtet, und wenn Menschen mich auf der Straße ansprechen, sind sie unglaublich nett und höflich. Ich stellte mir immer vor, dass es ganz schlimm sein wird, berühmt zu sein. Aber diese Horrorvorstellungen sind nie eingetreten. Die Schauspielerei ist ganz klar der beste Beruf überhaupt. Schwierig wird es nur, wenn ich lange von meiner Familie getrennt bin. Bei „Chaos Walking“ zum Beispiel hatte ich schreckliches Heimweh.

Geht Ihnen das jedes Mal so? Immerhin stehen Sie seit 2013 vor der Kamera …

Als ich direkt danach „Ophelia“ in Prag drehte, ging’s schon besser, weil ich nur einen zweistündigen Flug von daheim entfernt war. Jeder, der weit von zu Hause entfernt arbeitet, weiß, wie schwierig das sein kann. Zu Hause zu sein ist das Größte für mich. Ich schmeiße mich meiner Mutter wie ein Kleinkind in die Arme! (lacht) 

Zur Person

Schon in jungen Jahren besuchte Daisy Ridley eine private Schule für darstellende Künste nördlich von London. Ein kulturgeschichtliches Studium gab sie zugunsten ihrer Schauspielkarriere auf.

Erste Rollen hatte Ridley in Fernsehserien und in einem britischen Indie-Horrorfilm. Der Durchbruch kam im Jahr 2014, als die Britin für die Hauptrolle der Schrottsammlerin Rey in „Das Erwachen der Macht“ ausgewählt wurde. Regisseur J. J. Abrams folgte damit dem Ansatz von „Star Wars“-Schöpfer George Lucas, weitgehend unbekannte Darsteller zu besetzen.

Daisy Ridley wurde mit „Star Wars“ berühmt – obwohl sie vorher nur wenig Berührung mit der Sternensaga hatte.

Neue Filme bringen oft neue Lernkurven mit sich. Was haben Sie zuletzt gelernt?

Motorrad zu fahren. Das war großartig! Ich hatte ein elektrisches Motorrad mit jeder Menge Power. Es war ein Genuss, darauf meine Runden zu drehen und kleine Tricks zu üben. Reiten sollte ich auch noch lernen, aber es stellte sich raus, dass ich davor wahnsinnige Angst hatte. Mir ist ein Motorrad deutlich lieber als ein Pferd: Es ist kleiner, es vermittelt mir das Gefühl von Kontrolle und ich habe das Kommando. Einem Pferd ist man völlig ausgeliefert. Und es ist mir einfach zu hoch!

Fahren Sie jetzt in London lieber mit dem Motorrad als mit der U-Bahn?

Nein, nein. Früher war ich wirklich mit einem Moped unterwegs, aber ehrlich gesagt ist mir das alles zu gefährlich, gerade in London. Die Leute hinterm Steuer sind absolut verrückt! Die nehmen dir die Vorfahrt, ohne zu schauen. Grauenvoll! Dazu habe ich einfach zu viel Angst.

Sie haben nun schon einige Science-Fiction-Filme gedreht. Woher kommt Ihre Leidenschaft für diese Stoffe?

Ich gehe nach den einzelnen Figuren – ich würde gar nicht sagen, dass ich so ein großer Fan von Science-Fiction bin. Wissenschaft fasziniert mich sehr. Seit 2016 studiere ich auch Soziologie. Ich bin sehr an Umweltthemen interessiert und gebe mir große Mühe, sehr gesund zu leben. Mich fasziniert die Schnittstelle zwischen Umwelt und Wissenschaft: Solarenergie und alles über erneuerbare Energien, dass die Inder die größte Solarfarm der Welt erbauen, Müllverwertung mit Plastik … das ist für mich alles hochspannend. Ich lese auch mit Begeisterung Studien darüber, wie wir noch gesünder leben können. Wir müssen lernen, dass wir ein Teil der Umwelt sind und nicht die Umwelt dazu da ist, um uns das Leben maximal komfortabel zu gestalten.

Also sind Sie so etwas wie eine Öko-Amazone?

Ich lebe vegan, weil ich so den CO2-Ausstoß reduzieren kann. Außerdem fahre ich einen Elektro-Wagen. Mir ist aber auch klar, dass ich vieles umsetzen kann, weil ich in einer privilegierten Situation bin. Es ist wichtig, dass wir alle nachhaltiger leben, nicht nur die wohlhabende Schicht der Bevölkerung. Auch in London fällt es der weniger privilegierten Bevölkerung nicht leicht zu recyceln und sich einen nachhaltigen Lebensstil zu leisten. Das darf nicht sein.