London/Berlin - Das britische Königshaus muss irgendwie zusehen, wo es bleibt. So wie bisher, kann es nicht jedenfalls weitergehen: Es fehlen nicht nur die guten, gut gestimmten Nachrichten, das Leichte und der Spaß. Es fehlt auch der allfällige Pflichterfüllungsernst der Royals, der eine gute Grund, die Königsfamilie nicht nur – mit der notwendigen  Fremdschämbereitschaft – als boulevardeskes Unterhaltungsprogramm zu betrachten, sondern als eine dem Gemeinwohl dienende, altehrwürdige Institution. Doch sind da zurzeit weder Spaß noch Würde. Stattdessen herrscht das Spektakel auf allen Kanälen.

Nicht erst seit dem mit viel Furcht und Zittern erwarteten und als Skandal sorgfältig vorbereiteten Interview, das Prinz Harry und Herzogin Meghan der amerikanischen Star-Moderatorin Oprah Winfrey gaben, ist innerhalb der Palastmauern einiges aus der Balance geraten. Dass mit Harry nun einer der beiden – nicht durch die Thronfolge belasteten – Söhne der populären „Königin der Herzen“ für den jüngsten Aufruhr sorgte, ist ein Zeichen: Prinzessin Diana (1961–1997) war die erste „moderne“ Herausforderung des Königshauses, insbesondere ihr Selbstbestimmungswille als Frau eine postroyale Zumutung.

Anfällig für Rassismus: das Blutsbande- und Traditionsgedöns

Bis heute hat der Palast keine Antwort darauf gefunden, auch wenn es für eine kurze, glückliche Zeit so schien, als würde man mit dem jung-dynamischen Traumpaar Harry und Meghan etwas Neues riskieren. Als sie vor drei Jahren heirateten, galten sie als Hoffnungsträger; sie sollten dem britischen Königshaus mit viel jugendlicher Frische, mit ihrem so gar nicht griesgrämigen, stocksteifen Gehabe, ihrem stattdessen unverbrauchtem, unbekümmertem Charme neues Leben einzuhauchen – die betagte Monarchie mit der Gegenwart versöhnen und einen Neuanfang ermöglichen.

Das ging bekanntlich schief und endete vorläufig damit, dass Meghan im Winfrey-Interview dem britischen Königshaus vorwarf, rassistisch zu sein. Das war unter anderem auch so zu verstehen: Das Traumpaar hatte offenbar die Lust verloren oder einfach nur festgestellt, dass sich eine altehrwürdige, jahrhundertealte Institution wie die Monarchie mit ihrem feierlich inszenierten und – na klar! – auch rassismusanfälligen Blutsbande- und Traditionsgedöns nicht einfach so ändern lässt. Harry und Meghan wollten wohl Gutes tun, aber ihre Selbstverwirklichung nicht dem strengen Palastprotokoll unterwerfen.

Mit dem Eklat um Harry und Meghan hat sich nur bis in die Gegenwart fortgesetzt, was sich bereits mit Prinzessin Diana zeigte: Die britischen Royals sind hoffnungslos antiquiert und hadern mit der Moderne. Was wohl, wenn man ihnen in Zeiten von Cancel-Culture-Debatten aufgrund ihrer dynastisch-strengen Reproduktionsordnung außer Rassismus auch noch Sexismus vorwerfen würde? Und wie steht es überhaupt um die kolonialistische Vergangenheit der Monarchie? Alles Themen, die Harry und Meghan in den letzten Jahren aufgeworfen haben. Gut darauf vorbereitet wäre der Palast nicht.

Die Frage ist, wie die Chefin der Firma, Königin Elizabeth II., ihren Laden zusammenzuhalten kann. Die Antwort muss lauten: keine Experimente mehr. Wenn die Queen sich eine künftige Königin basteln könnte, würde sie nicht lange überlegen: Die perfekte Kandidatin steht längst bereit – Herzogin Kate, Ehefrau des Queen-Enkels William. Die 39-Jährige hat alles, was die Monarchin von der Gattin des künftigen Staatsoberhauptes erwartet. Kate ist liebevolle Ehefrau und Mutter, fällt mit Liebenswürdigkeit und charmantem Lächeln auf, hat keine Allüren und zeigt hohen Einsatz für die Gemeinschaft.

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Da waren sie noch vereint: William, Harry, Meghan und Kate 2018 in Westminster Abbey.

An Kate und William hängen alle Hoffnungen: Es gibt sonst niemanden mehr im Palast – der direkte Thronfolger Prinz Charles, 72, ist schließlich viel zu alt. Und also müssen es die beiden jetzt allein richten. Noch vor wenigen Jahren herrschte eine idealen Arbeitsteilung: Auf der einen Seite sorgten William und Kate fürs staatstragende Pflichtprogramm, auf der anderen Harry und Meghan für frisch-fröhliche Kurzweil. Anfangs wurden die vier Nachwuchs-Royals – in Anlehnung an die Beatles – als „Fabulous Four“ bezeichnet. Doch war das alles zu schön, zu fabelhaft, um wahr zu sein. Es folgte der Megxit.

Herzogin Kate bei Oprah Winfrey wäre das definitive Ende

Ein Rücktritt Kates von allen royalen Ämtern und Pflichten ist undenkbar. Und dass sie sich wie ihre Schwägerin Meghan in einer US-Talkshow über Interna der Firma – sprich: über die Königsfamilie – auslassen würde, liegt ebenso jenseits aller Vorstellungen. Anders gesagt: Kate bei Oprah Winfrey wäre das definitive Ende der britischen Monarchie. Aber keine Sorge: Die Herzogin von Cambridge, so der offizielle Titel, scheint mit ihrem eisernen Pflichtethos bis zur Selbstverleugnung darauf bedacht zu sein, der Familie nicht zu schaden.

Als ihr Vorbild gilt Sophie von Wessex, Ehefrau des jüngsten Queen-Sohns Prinz Edward. Knapp 20 Jahre älter als Kate hat sich Sophie als Patronin mehrerer Hilfsorganisationen das Renommee eines aufmerksamen und zurückhaltenden Vollzeitroyals erarbeitet. Beide zeigten sich zuletzt immer wieder in vertrauter Pose. Auch zu Königin Elizabeth II. soll Kate ein sehr gutes Verhältnis haben. Die Queen übertrug 2019 ihr, der begeisterten Fotografin, sogar die Schirmherrschaft für die Royal Photographic Society, die sie selbst 67 Jahre innehatte. Das wurde als besonderes Zeichen der Wertschätzung wahrgenommen.

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Ein Vorbild für Kate: Sophie von Wessex.

Die Bühne ist also frei: Seit Wochen präsentiert der Palast die Herzogin als Kümmerin in der Corona-Pandemie. Zuspruch für Pflegerinnen und Pfleger, Videotelefonate mit Alleinerziehenden aus sozial schwachen Familien – Kate kümmert sich, so die Botschaft. Zuletzt legte sie ohne großes Aufsehen zum Gedenken Sarah Everards im Londoner Park Clapham Common Blumen nieder – die Frau war auf ihrem nächtlichen Nachhauseweg von einem Polizisten entführt und getötet worden. Auch hier vermittelte Kate glaubwürdig den Eindruck, für die Menschen da zu sein.

William und Kate: Langeweile ist ihr größter Trumpf

Und nebenbei sorgt sie mit süßen Schnappschüssen ihrer drei Kinder George (7), Charlotte (5) und Louis (2) zuverlässig für schöne Bilder im Alltagsgrau der Pandemie. Besser geht es nicht: Ihrem Mann, dem in der Öffentlichkeit die Schlitzohrigkeit seines Bruders fehlt, hat Kate längst die Show gestohlen. Und schlägt dennoch nie über die Stränge: „Beide sind total langweilig“, sagt ein Experte hinter vorgehaltener Hand über William und Kate. „Aber das ist ihr größter Trumpf.“ Für die Institution der Monarchie sei diese Lösung perfekt.

Dennoch wird das Paar den Thron wohl nicht so bald besteigen. Die Queen hat trotz ihrer bald 95 Jahre nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie ihrer Pflicht bis zu ihrem Tod nachkommen wird. Ob dieses Pflichtethos den so dringlichen, wie auch immer bescheidenen Neubeginn vereitelt? Kate steht bereit. Besser wird‘s nicht!