Berlin - Bibo stand immer auf der guten, auf der hellen Seite des Lebens. Big Bird, wie der große gelbe, federflauschige Vogel aus der „Sesamstraße“ im amerikanischen Original heißt, war stets der grundgute, arglose, friedvolle, verspielte, redselige, zugewandte und freundliche Widerpart zum ewig übelgelaunten Mülltonnenbewohner Oscar. Kurzum, Bibo war seit jeher die gute Seele in der Kinderserie – der über jeden Zweifel erhabene Liebling eines nicht nur jugendlichen Publikums.

Republikaner: „Regierungspropaganda für Fünfjährige“

Dann aber verkündete Bibo über seinen eigenen Twitter-Account, dass er sich gegen Corona habe impfen lassen und damit glücklich sei. Ja, auch diesen sanften Riesen mit seinen immerhin 2,49 Metern hätte das Virus wohl fällen können: „Mein Flügel tut noch ein wenig weh, aber ich habe heute einen Extraschutz-Booster bekommen, damit ich und andere gesund bleiben.“ Nichts Ungewöhnliches, fügt Bibo beruhigend hinzu, er habe schon Impfungen bekommen, als er ein kleines Küken war.

Damit hatte der Vogel offenbar ein politisches Thema gesetzt – und mit einem Mal seine herzergreifende Unschuld verloren. Zuerst nutzte US-Präsident Joe Biden die Gelegenheit und gratulierte der rührigen Kunstfigur in staatstragendem Ton auf Twitter: „Impfen ist der beste Weg, damit die ganze Nachbarschaft gesund bleibt.“ Auch die demokratische Politikerin und ehemalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bekundete ihr Wohlgefallen am vorbildlichen Verhalten des Muppets.

Die politische Gegenseite und hier vor allem die einschlägig bekannten Corona-Leugner und Impfskeptiker konnten das so nicht stehen lassen. US-Senator Ted Cruz bezeichnete Bibos Tweet als „Regierungspropaganda für Fünfjährige“ und Fox-News-Moderator Steve Cortes bezeichnete die Impfkampagne der „Sesamstraße“ gar als „böse“. Kinder wären statistisch gesehen „nicht gefährdet“ und sollten nicht „zu einer unerprobten Behandlung gedrängt werden“, so Cortes per Twitter.

Dass Cortes hier nur die halbe Wahrheit verbreitet, ist das eine: Kinder sind zwar keine Risikopatienten, sie können sich aber mit dem Coronavirus anstecken und dieses weiterverbreiten. Das andere aber ist, Bibos Treiben als „böse“ zu bezeichnen: Das tut dieser grundgütigen Figur doch unrecht. Umso mehr, als sich Big Bird schon immer für Aufklärung und Gesundheit bei Kindern eingesetzt hat. Auch dafür war er in der „Sesamstraße“ da – woran sich bislang niemand wirklich stören wollte.

In unseren hochideologischen Corona-Zeiten musste ein solches Ansinnen dann aber nicht nur seine Unschuld verlieren, sondern offenbar auch einen willkommenen Anlass für den ohnehin wütenden Streit ums Impfen bieten. Das hat der sanfte Riese nicht verdient: Bibo gerät in Bedrängnis, Oscar scheint derweil klar im Vorteil zu sein.