Hunter Biden, 51, hat seinem Vater während des Präsidentschaftswahlkampfs einigen Ärger bereitet. Joe Biden, 78, musste sich plötzlich zu den Geschäften des Sohnes erklären. Zum einen ging es um die Frage, ob Hunter tatsächlich Geld von ukrainischen Oligarchen angenommen hatte, um ihnen die Türen zu Joe Biden zu eröffnen, als der noch Vizepräsident der USA war. Zum anderen sollte der Sohn in gut bezahlte Beratergeschäfte mit staatsnahen chinesischen Unternehmen verstrickt sein. Beides, die Schmiergelder aus der Ukraine und die Zusammenarbeit mit dem Erzfeind China, befeuerte rechte Verschwörungstheorien und damit auch die Anhängerschaft von Donald Trump.

Hunter Biden: „Wir sind mit unserer Sucht immer allein“

Seitdem galt Hunter Biden als jemand, der seine Hand aufhält, weil Papa eine mächtige Position hat. Der missratene Sohn also. Ein Abstauber. Eine eher undankbare Rolle, mit der er sich offenbar nicht länger abfinden wollte. Und so hat Biden nun zur großen Korrektur ausgeholt: In seiner am Dienstag in den USA erschienenen Autobiografie „Beautiful Things“ („Schöne Dinge“) beschreibt er sich als Mann, der in seinem Leben alle Höhen und Tiefen durchschritten und erst spät sein Glück gefunden hat. Ob er mit der rund 270 Seiten starken Lebensbeichte seinem Vater einen Gefallen tut? Immerhin, Hunter Biden erzählt ausführlich von seinem langen Kampf mit Alkohol und Drogen.

Und spart nicht mit drastischen Details: „Ich habe auf den Straßen von Washington, D.C., Crack gekauft und in einem Hotelbungalow in Los Angeles mein eigenes gekocht.“ Oder: „Ich brauchte so dringend Alkohol, dass ich schon auf dem kurzen Weg vom Kiosk zu meiner Wohnung die Wodka-Flasche öffnen musste, um einen Schluck daraus zu nehmen.“ Biden berichtet in dem Buch offen von seinem Absturz und dem schwierigen Weg zurück, von dem Teufelskreis aus Drogenexzessen, Therapien und immer neuen Rückfällen. „Wir sind mit unserer Sucht immer allein … Es spielt keine Rolle, wie viel Geld man hat, mit wem man befreundet ist, aus welcher Familie man kommt.“

Liebeserklärung an den Vater und den Bruder

Biden beschreibt aber auch die schweren Schicksalsschläge, die seine Familie heimsuchten – unter anderem den Tod seines älteren Bruders Beau, der 2015 im Alter von 46 Jahren an einem Hirntumor starb. Das warf Hunter vollkommen aus der Bahn: „Ich habe mich nie so einsam gefühlt wie nach Beaus Tod. Ich verlor jede Hoffnung.“ Nur durch die „bedingungslose Liebe“ seines Vaters und die „immerwährende Liebe“ für seinen Bruder habe er sich fangen können. Er komme „aus einer Familie, die von Schicksalsschlägen geformt wurde“, resümiert Hunter Biden diese Lebensphase, „und von einer außerordentlichen, unzerbrechlichen Liebe zusammengehalten wird.“

Foto: dpa/Nick Wass
Joe Biden (l.) und sein Sohn Hunter: „Er gab mich nie auf, er wies mich nie ab.“

Hunter ist ein Sohn aus Joe Bidens erster Ehe. Seine Ehefrau Neilia und die gemeinsame Tochter Naomi waren 1972 bei einem Autounfall getötet worden. Joe Biden war gerade im Bundesstaat Delaware als Senator gewählt worden, Hunter und Beau überlebten den Unfall nur knapp. Der Vater wachte über Wochen an ihren Krankenbetten. Dort ließ er sich schließlich auch zum Senator vereidigen. Bis heute gehen Hunter der Bilder des Unfalls nah: „Plötzlich sehe ich, wie sich der Kopf meiner Mutter nach rechts dreht“, schreibt er. „Ich kann mich an nichts anderes an ihrem Gesicht erinnern: Nur an den Blick in ihren Augen, den Ausdruck ihres Mundes. Ihr Kopf schwingt einfach hin und her.“

Tatsächlich hat auch Joe Biden immer wieder über die Trauer und die heilende Kraft der Liebe gesprochen. Er musste seine erste Frau und zwei Kinder zu Grabe tragen. Und erzog die beiden Söhne allein, bis er seine heutige Frau Jill kennenlernte. Trotz des Verlusts der Mutter und der Schwester spricht Hunter Biden von einer fast idyllischen Kindheit – im Dreiergespann mit seinem Vater und seinem Bruder, umgeben von einem großen Familien-Clan, der die Brüder nach dem Unfall erst recht mit Liebe überschüttete.

Mittlerweile ist Hunter clean, verheiratet und hat einen Sohn

Dennoch begann Hunter schon in der Highschool, „ernsthaft zu trinken“, wie er schreibt, denn „es löste meine Hemmungen und Unsicherheiten“. Später – mit Familie, Kindern und Job, inmitten von Arbeitsstress und finanziellen Zwängen – wurde er zu einem echten Alkoholiker. Erst ein funktionierender, später ein nicht mehr funktionierender. Er machte mehrere Therapien, hatte mehrere Rückfälle, verhedderte sich im Gestrick aus Scham, Schuldgefühlen, Versteckspielen. Die Sucht zertrümmerte seine erste Ehe.

Sein Vater habe ihn nie im Stich gelassen. „Er gab mich nie auf, er wies mich nie ab, er urteilte nie über mich, ganz egal, wie schlimm es um mich stand.“ Einmal nach einem Familientreffen, das in einem Eklat endete, sei sein Vater mit ihm aus dem Haus gestürmt. „Er lief mir auf die Auffahrt nach, packte mich, riss mich herum, nahm mich in die Arme, hielt mich im Dunkeln fest und weinte eine Ewigkeit.“

Foto: Imago/Jim Bourg/Pool Burial
Familie Biden: Hunter und seine Frau Kathleen, Joe und Jill Biden.

Erst etwa zu der Zeit, als Joe Biden 2019 im Frühling seine Präsidentschaftsbewerbung verkündete, verliebte sich Hunter Biden auf einen Schlag in eine Frau, die ihm half, die Drogen hinter sich zu lassen. Wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung heirateten die beiden. Inzwischen haben sie ein Kind – und gaben ihm den Namen Beau.

Die deutsche Ausgabe von „Beautiful Things“ erscheint am 13. April im Verlag Hoffmann und Campe.