Sharon Stone, 63, hat bewiesen, dass man mit einem auf eine halbe Stunde angelegten Zoom-Interview für reichlich Wirbel sorgen kann. Vor einem Monat erschien im kanadischen Lifestyle-Magazin Zoomer eine Titelgeschichte über Stone, in der die Schauspielerin über ihre Memoiren, die Frauenfeindlichkeit von „Basic Instinct“, Hollywood und die „Vergötterung“ ihrer Kollegin Meryl Streep, 72, sprach. Wobei Letzteres eigentlich nur einen kleinen Teil der Geschichte ausmachte, dafür aber im Nachgang umso höhere Wellen schlug.

Die Interviewerin nämlich stellte Stone in besagtem Gespräch eine Frage, die den Passus enthielt: „... als Sie endlich mit Meryl Streep zusammenarbeiteten“. Stone fiel ihr daraufhin ins Wort: „Mir gefällt, wie du das ausdrückst, dass ich endlich mit Meryl Streep arbeiten konnte. Du hast nicht gesagt: Meryl hat endlich mit Sharon Stone gearbeitet. Oder wir haben endlich zusammengearbeitet.“

Die Fragestellerin versuchte zu beschwichtigen, aber da war Stone bereits richtig in Fahrt. Das ganze Filmbusiness sei so aufgebaut worden, „dass wir Meryl alle beneiden und bewundern sollten“. Jeder solle gegen sie antreten. „Ich denke, Meryl ist eine unglaublich wundervolle Frau und Schauspielerin. Aber meiner Meinung nach gibt es auch andere Schauspielerinnen, die genauso talentiert sind wie Meryl Streep. Die ganze Ikonographie von Meryl Streep ist Teil dessen, was Hollywood mit Frauen anstellt.“

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Die Unerreichte: Meryl Streep

Stone zählte Namen von Kolleginnen wie Viola Davis, Emma Thompson, Olivia Colman und Kate Winslet auf. „Aber du sagst Meryl und alle fallen auf den Boden.“ Dann kam sie auf sich selbst zu sprechen: „Ich bin ein viel besserer Bösewicht als Meryl“, fuhr Stone fort. Sie sei überzeugt, ihre Schauspielkollegin würde in Filmen wie „Basic Instinct“ oder „Casino“ nicht gut sein. Sie wäre die Bessere. Für „Casino“ erhielt Stone eine Oscar-Nominierung, Streep hingegen konnte im Lauf ihrer Karriere drei Oscars mit nach Hause nehmen, hinzu gesellen sich unübertroffene 21 Nominierungen.

#MeToo und die Zurückhaltung von Streep in Sachen Weinstein

In der Branche gebe es fest zugewiesene Plätze, kritisierte Stone, sie selbst sei die „Königin des Schmutzes“. Was wohl als Anspielung auf ihre Rolle im Erotik-Thriller „Basic Instinct“ verstanden werden darf, die sie auf einen Schlag zum Weltstar machte, ihr aber auch beständig anhaftete. „Uns wurde beigebracht, dass nicht jeder einen Platz am Tisch bekommt. Sobald einer ausgewählt ist, kann niemand mehr hineinkommen“, beschrieb Stone das Geschäft. Dann kam sie auf #MeToo zu sprechen und schlug erneut einen Haken zu Streep: „Ich bin sicher, Meryl hat eine Geschichte. Aber ich bin mir auch sicher, wenn Meryl ihre Geschichte erzählen würde, wäre sie nicht Meryl und würde diese Jobs nicht bekommen. Meryl kann nicht die Vorreiterin sein. Sie ist eine Glätterin. Das ist, was sie tut.“

In der Tat wurde Streep im Zuge der Enthüllungen um Harvey Weinstein ihre Zurückhaltung zum Vorwurf gemacht. 2017 tauchten in den Vereinigten Staaten Plakate auf, die ein Foto von Streep und Weinstein mit dem Schriftzug „She Knew“ unterlegten. Dahinter stand die Kritik, Streep habe jahrelang über das Gebaren des Filmproduzenten Bescheid gewusst, aber Stillschweigen gewahrt. Andere Stars nahmen sie daraufhin in Schutz. Streep selbst bekundete später, viele der aktuellen Fälle von sexuellem Missbrauch wie der Weinsteins wären in einem anderen Berufsumfeld nicht geschehen. „Unsere Kultur wird von den Männern an der Spitze bestimmt. Wenn der Vorstand der Weinstein-Company zur Hälfte mit Frauen besetzt wäre, dann wäre nichts von alldem passiert“, sagte Streep Anfang 2018.

Zur Debatte mit Stone ließ sich die Hollywood-Ikone bislang nicht ein. Dafür drehte Stone ihre Wut nach heftiger Kritik auf Social Media ein wenig herunter. Fans von Streep hatten prophezeit, Sharon werde „nach diesem verbalen Müll nie wieder in Hollywood arbeiten“, andere stimmten ihren Ausführungen zu: „Streep ist völlig überbewertet und endlich sagt das mal jemand.“ Dass Stone mit ihrer Kritik auch ein Schlaglicht auf die Hollywood-Industrie und ihre Mechanismen wirft, ging in der Debatte bislang leider unter. Dabei wären einige Punkte wie falsche Ehrfurcht oder das Ausspielen von Frauen gegeneinander – innerhalb und außerhalb Hollywoods – durchaus der Diskussion wert.

Doch so bleibt Stone erst einmal nur eine Klarstellung hinein in eine aufgeregte Debatte: „Meryl Streep ist eine der größten Schauspielerinnen aller Zeiten. Nur nicht unter Ausschluss anderer“, erklärte sie auf ihrem Twitter-Account.