Andrea Meza, 26, versucht allen Ernstes, eine seit jeher frauenfeindliche, da alle Frauen einem sie dauersexualisierenden Verfügbarkeits- und also auch Verdinglichungsimperativ unterwerfende Veranstaltung als nunmehr emanzipatorisches Ereignis darzustellen. Was das jetzt heißen soll? Ganz einfach: Die Mexikanerin ließ sich am Sonntagabend in Florida zur neuen „Miss Universe“ krönen und teilte hernach mit, in ihrem neuen Amt als  Schönheitskönigin für Frauenrechte und gegen sexualisierte, eben Frauen betreffende Gewalt einzutreten.

„Unser Volk stirbt und wird jeden Tag vom Militär erschossen.“

Einen anderen Punkt setzten die Teilnehmerinnen aus Myanmar, Singapur und Urugay. Die Frauen nutzten ihre Auftritte, um auf antiasiatischen Hass, also auf Rassismus, auf die Diskriminierung von LGBTQ-Gemeinschaften und nicht zuletzt auf die Krise in Myanmar hinzuweisen. So posierte Thuzar Wint Lwin, 23, in der Tracht ihres Landes mit einem Plakat, auf dem „Betet für Myanmar“ stand. In ihrer Videobotschaft zum Wettbewerb hatte sie gesagt: „Unser Volk stirbt und wird jeden Tag vom Militär erschossen.“

In einem dramatischen Auftritt schritt Miss Universe Singapore, Bernadette Belle Ong, 26, auf die Bühne, ihr Kostüm war in den Farben des Stadtstaats gehalten. Dann enthüllte sie ihre Botschaft, den Aufruf „Stop Asian Hate“, und machte kehrt. Miss Universe Uruguay, Lola de los Santos, 23, zeigte unterdessen ihre Unterstützung für LGBTQ-Gemeinschaften mit einem Regenbogen-Outfit und einem Rock, an dem die Aufschrift prangte: „Kein Hass, keine Gewalt, Ablehnung, Diskriminierung mehr.“ So politisch war der Schönheitswettbewerb noch nie.

Siegerin war nun aber Andrea Meza, deren politisches Programm sich vor diesem Hintergund etwas verhaltener ausnahm. Laut Auskunft der Miss-Universe-Organisation arbeitet sie als „Aktivistin eng mit städtischen Einrichtungen für Frauen zusammen, um die geschlechtsspezifische Gewalt zu beenden.“ Was auch immer das bedeutet, Meza stammt aus der nordmexikanischen Metropole Chihuahua City, arbeitet dort als Model und Visagistin und verdingt sich außerdem noch als offizielle Tourismus-Markenbotschafterin ihrer Heimatstadt.

Sicher ist, dass sie sich aufs Geschäft mit der Aufmerksamkeit versteht. Die studierte Softwareentwicklerin amtierte bereits als „Miss Mexiko 2017“, nahm schon an mehreren solcher Wettbewerben teil, sie zeigt sich auch sehr umtriebig in den sozialen Netzwerken, baut sich eine eigene Kleider-Marke auf … Und hat nun erst einmal das nächste Etappenziel erreicht, als ihr die Vorgängerin Zozibini Tunzi aus Südafrika, die den Wettbewerb 2019 gewonnen hatte, die Krone aufsetzte.

„Lassen Sie sich niemals sagen dass Sie nicht wertvoll sind.“

„Die Krone der Miss Universe zu tragen, ist ein wahr gewordener Traum“, wurde Meza in einer Mitteilung der Veranstalter zitiert. In ihrer durchaus anspruchsvollen Abschlussrede während des Wettbewerbs hatte sie auch über Schönheitsstandards, über gesellschaftliche Stereotypen und ihre Überwindung gesprochen: „Heutzutage ist Schönheit nicht mehr nur die Art, wie wir aussehen … Lassen Sie sich niemals von jemandem sagen, dass Sie nicht wertvoll sind.“

Meza setzte sich gegen 73 Frauen aus aller Welt durch, die bei der 69. Ausgabe des Miss-Universe-Wettbewerbs im Seminole Hard Rock Hotel & Casino in Hollywood, Florida, angetreten waren. Die achtköpfige Jury war ausschließlich mit Frauen besetzt – auch dies sollte der Veranstaltung einen neuen, wie auch immer emanzipatorischen Horizont eröffnen.

Im vergangenen Jahr war der Wettbewerb wegen der Corona-Pandemie abgesagt und nun nachgeholt worden, weshalb Meza den Titel der „Miss Universe 2020“ trägt. Bereits im Dezember sollen die nächsten Wahlen stattfinden.