Berlin - Ungerechtigkeiten ließen Erin Brockovich zur Höchstform auflaufen. Die einfache Rechtsanwaltsgehilfin erkämpfte vor Gericht die Zahlung der größten Schadenersatzsumme in der Geschichte der USA. Statt einem Anwaltstitel setzte sie aufopfernde Recherchen, Hartnäckigkeit und unkonventionelle Methoden ein. Einst verkörperte Julia Roberts die amerikanische Heldin, nun setzt ihr auch eine TV-Serie ein Denkmal. Die Hauptrolle in „Rebel“ (zu sehen auf Disney Plus) spielt Katey Sagal. Als Al Bundys Ehefrau Peggy wurde sie schon in „Eine schrecklich nette Familie“ zur Ikone. Mit 67 Jahren hat sie mehr Rebellentum in sich, als sie selbst oft ahnt.

Miss Sagal, was haben Sie persönlich mit einer Rebellin gemeinsam?

Oh, gar nicht so viel. Ich bin viel diplomatischer als Rebel. Vielleicht auch etwas flexibler …  zumindest führe ich ein ruhigeres Leben. Die immense Energie, die ich in diese Rolle stecken musste, war für mich eine Herausforderung. Ich bin von Natur aus eine ganz sanfte Person, eher der mütterliche Typ. Da musste ich erst mal so ein Power-Reservoir in mir finden.

Diese Figur ist also ein Kraftwerk – und Sie nicht?

Rebel hat eine ganz besondere Energie: Sie ist wie ein Hund, der einen Knochen gefunden hat – wenn sie sich für einen Fall entschieden hat, lässt sie ihn nicht mehr los. Sie handelt schnell und entschlossen, ist eher pragmatisch als emotional. Ich hingegen bin schon sehr auf meine drei Kinder konzentriert. Und lasse mich von denen viel leichter emotional manipulieren. (lacht)

Was haben Sie von Ihren wichtigsten Figuren gelernt? Gibt es etwas, das sie von Peggy Bundy aus „Eine schrecklich nette Familie“ für sich persönlich mitgenommen haben?

Da könnte ich jetzt ganz viel aufzählen. Peggy hatte die beste, positivste Attitüde von allen. Sie lebte in ihrer kleinen Welt. Egal was kommt, sie liebt diese Familie: Ihren mürrischen Ehemann, eine Tochter, die nicht die Hellste ist, und trotzdem macht sie immer das Beste aus jeder Situation. Peggy hat ihr Leben immer genossen. So habe ich jedenfalls die Rolle angelegt: total positiv, vielleicht sogar etwas naiv. Sie führte eine ziemlich frustrierende Ehe, aber nicht mal das hielt sie davon ab, glücklich zu sein.

Imago
Von 1987 bis 1997 waren sie „Eine schrecklich nette Familie“: Christina Applegate als Kelly, Katey Sagal als Peggy, Ed O’Neill als Al und David Faustino als Bud Bundy (von links).

Sie mögen Ihre Figuren offenbar sehr. Ist das bei Rebel nun genauso?

Ich kann mich gut in Rebel hineinversetzen, weil sie eine berufstätige Mutter ist. Sie muss eine Balance zwischen ihrer Liebe zur Familie und ihrer Liebe zur Arbeit finden. Sie ist voller Leidenschaft, wenn sie sich für das Recht und das Richtige einsetzt. Es kommt aus dem tief sitzenden Wunsch, Ungerechtigkeit zu beenden – um ihr Ego geht es nie.

Die Serie basiert auf dem Leben von Erin Brockovich. Konnten Sie Erin in Vorbereitung auf die Rolle mal persönlich kennenlernen?

Wir hatten nicht die Rechte an ihrem Leben, daher darf ich nicht sagen, ich würde Erin spielen. Es ist vielmehr so, dass wir uns von ihr inspirieren ließen und ihre Geschichte in die heutige Zeit transportieren. Und ja, ich habe Erin ein paar Mal getroffen. Beim ersten Mal gingen wir zum Lunch und hatten sofort eine Verbindung zueinander. Am Ende wurde es ein ziemlich langes Mittagessen voller wunderbarer Geschichten. Ich bewundere ihre Energie und Ausstrahlung, sie ist so eine starke, dynamische Person.

Sie sind in einem Alter, in dem die meisten gerade in Rente gehen. Wie erging es Ihnen, als Ihnen dieses Projekt angeboten wurde?

Fantastisch. Der Sender ABC suchte sogar bewusst nach einem Projekt, das sie mir anbieten können. Wir hatten im vergangenen Jahr zusammengearbeitet, das Projekt konnte am Ende jedoch nicht umgesetzt werden. Aber wir haben uns so gut verstanden, dass die Produzenten unbedingt etwas anderes mit mir machen wollten. So etwas ist mir in meiner ganzen Karriere noch nicht passiert.

Wie sah das genau aus?

Als Schauspielerin habe ich bisher immer meine Rollen suchen müssen und war für jeden Erfolg wahnsinnig dankbar. Jetzt war es genau andersherum, die suchten etwas für mich. „Rebel“ hat mich von Anfang an begeistert, auch weil Erin Brockovich als ausführende Produzentin mit an Bord war. 

Glauben Sie, dass so eine Serie auch schon vor zehn Jahren funktioniert hätte?

Vor zehn Jahren hätte es „Rebel“ nicht gegeben. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass man damals eine Serie mit einer älteren Frau in der Hauptrolle produziert hätte. Diese ungeschriebene Regel wollte ich auf jeden Fall brechen. Wir leben in einer Welt, die immer mehr Wert auf Vielfalt und Diversität legt, dazu gehört auch das Brechen mit dem „Ageism“, also der Diskriminierung von Älteren. Frauen über 50 oder 60 spielen jetzt Hauptrollen, die früher nur Männern angeboten worden wären. Das ist aber vorrangig ein amerikanisches Problem .

Warum herrscht Altersdiskriminierung in den USA noch stärker vor?

In unserer Gesellschaft legen wir viel Wert auf Jugend. So sieht die Welt aber nicht aus. Es gibt viele Frauen in meinem Alter, die vital, stark, klug und sexy sind. Ich freue mich, wenn ich die repräsentieren kann. In anderen Teilen der Welt werden ältere Menschen mit mehr Respekt behandelt.

Zur Person

Katey Sagal kam als Catherine Louise Sagal 1954 in Los Angeles zur Welt. Sie ist auch als Synchronsprecherin und Sängerin tätig. Im deutschsprachigen Raum wurde sie hauptsächlich durch ihre Rollen als Peggy Bundy in der Fernsehserie „Eine schrecklich nette Familie“, als Cate Hennessy in „Meine wilden Töchter“ und als Gemma Teller Morrow in „Sons of Anarchy“ bekannt.

Im Herbst 2004 heiratete Sagal ihren jetzigen Mann, den Filmproduzenten und Schauspieler Kurt Sutter, mit dem sie eine Tochter hat. Hinzu kommen zwei Kinder aus einer früheren Ehe.

Sie haben in Ihrer Karriere viele wunderbare Rollen gespielt. Nervt es Sie manchmal, dass Sie für viele Menschen, gerade in Deutschland, immer Peggy Bundy bleiben werden?

Nein, das nervt mich nicht. Mich sprechen inzwischen genauso viele Menschen auf Gemma in „Sons of Anarchy“ an oder auf meine Sprechrolle als Leela in „Futurama“. Früher haben sich alle auf Peggy konzentriert. Aber das ist für mich ein großes Kompliment, wenn Menschen meine Arbeit schätzen. Mir ist wichtig, dass ich nicht stehen bleibe, sondern immer wieder neue Rollen finde, denen ich Leben einhauchen kann. Ich bin dankbar, dass meine Karriere mir so viele wunderbare Stationen ermöglicht hat und hoffe, dass das noch einige Zeit weitergeht. Vielleicht würde es mich nerven, wenn ich mein Leben lang nur die Figur Peggy Bundy auf die Reihe bekommen hätte. Oder wenn man mir deswegen keine anderen Rollen angeboten hätte.

Ihre großen Rollen aber sind alle Serienfiguren. Ist das Zufall?

Ich habe drei Kinder, die mir sehr wichtig sind. Also wollte ich für Dreharbeiten immer möglichst wenig reisen. Wenn man Filme dreht, ist man meist unterwegs – und das hat mich immer davon abgehalten. Ich mag es einfach, am Abend zu meinen Kindern heimzukommen. Ich bin nicht Mutter geworden, nur um dann meine Kinder nie zu sehen. Serien ermöglichen mir dieses Leben, in dem ich Familie und Karriere unter einen Hut bekomme.