Berlin - Seit fünf Monaten kann man sich auf YouTube die Dokumentation „This is Paris“ anschauen. Fast 20 Millionen Mal ist der Film aufgerufen worden, der mit seinem deutschen Untertitel „Die wahre Geschichte von Paris Hilton“ suggeriert, man wisse nach einer Stunde und 45 Minuten, wer sich hinter der Fassade einer Frau verbirgt, die man in den vergangenen 20 Jahren so oft gesehen hat, dass es einem manches Mal auch zu viel werden konnte. Paris auf allen Kanälen, ihre Omnipräsenz hat sie selbst vorangetrieben, als wäre es ihre einzige Bestimmung im Leben. Model, Sängerin, Schauspielerin, Geschäftsfrau, Reality-Star, It-Girl, Partygirl, Society-Girl ... Kein Wunder, dass man am Ende nicht mehr wusste, mit wem man es eigentlich zu tun hat. In der Doku sagt Hilton, dass sie selbst nicht wisse, wer sie sei. „Sorry, ich bin es so gewohnt, eine Figur zu spielen, dass es hart für mich ist, normal zu sein. Immer wenn die Kamera angeht, werde ich zu jemand anderem.“

Am Ende lernen wir eine Frau kennen, die trotz des ständigen Gewusels um sie herum irgendwie einsam wirkt, eine Frau, die man eigentlich nur mal fest umarmen möchte. Die sagt, dass sie Tiere mehr möge als Menschen. Dass sie sich weniger allein fühle, wenn sie ihre Fans, die „Little Hiltons“, um sich habe. Und dass sie nicht aufhören könne zu arbeiten, bevor sie nicht eine Milliarde Dollar verdient hat. Inzwischen wissen wir, dass ein weiteres Lebensziel hinzugekommen ist: Eine Hochzeit mit ihrem Partner Carter Reum und Nachwuchs, Zwillinge, um genau zu sein. „Wir haben mit einer In-vitro-Fertilisation begonnen“, erzählte Hilton kürzlich. Sie habe bereits mehrere Eizellenentnahmen hinter sich.

Am Mittwoch (17. Februar) wird das angesagteste It-Girl ihrer Zeit 40 Jahre alt. Wie viele Mitglieder ihrer einflussreichen Familie bewegte sich die Hotelerbin stets in den besten Kreisen Hollywoods, übertraf ihre Verwandten in der Rolle der schillernden Nachtleben-Gestalt aber schon als Teenager. Keiner aus dem Hilton-Clan erschien so häufig in der Öffentlichkeit, war so berühmt fürs Berühmtsein wie sie. Doch kann man an ihrer Biografie vor allem auch eines sehr deutlich ablesen – wie schäbig die Gesellschaft bisweilen mit ihren schillerndsten Figuren umgeht. Als warte man gerade bei erfolgreichen, schönen Frauen wie ihr nur darauf, dass sie straucheln, um sich dann an ihrem Niedergang zu ergötzen. 

Hiltons Name taucht immer wieder in Rankings auf, deren Sinnhaftigkeit man doch ernsthaft hinterfragen möchte. Zum Beispiel im Jahr 2007: Damals stand sie an der Spitze der Liste der „20 Most Hated Celebrities“ – der 20 meistgehassten Promis also. Nicole Richie, mit der Hilton Anfang der 2000er-Jahre die erfolgreiche Doku-Soap „The Simple Life“ drehte, landete auf Platz elf. Solche Listen werden noch immer geführt, von verschiedenen Magazinen und Internetseiten, mit immer neuen Namen darauf.

Prominente zu hassen ist offenbar eine geschätzte Online-Aktivität, bei der sich die Frage nach dem Warum stellt. Projizieren wir Ängste, haben wir Lust am Tyrannisieren? Kaum jemand jedenfalls hat so viel Antipathien auf sich gezogen wie Paris Hilton – die schillernden Auftritte, die ihr der Selbstvermarktung dienten, waren gleichzeitig ihre Angriffsfläche. Nur allzu schnell konnte man der Blondine unterstellen, als Urenkelin des Hotelgründers Conrad Hilton und eine der zukünftigen Erben des Familienvermögens sei sie mit dem berühmten goldenen Löffel im Munde geboren und habe alles in die Wiege gelegt bekommen. Als ob sie sich dies aussuchen hätte können – oder es eine Straftat wäre, das Kind reicher Eltern zu sein.

Wie es war, rund um die Jahrtausendwende als junge Frau berühmt zu werden, zeigt nicht nur der Fall Paris Hilton. Auch Britney Spears, ebenfalls gerade dank einer Dokumentation in aller Munde, weiß nur zu gut, was es bedeutete, zu dieser Zeit im Rampenlicht zu stehen. Es hieß, mit Internet und Handyvideos konfrontiert zu sein, aber ohne das Umdenken, das erst eine MeToo-Bewegung erreichen konnte.

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Nicole Richie und Paris Hilton waren von 2003 bis 2007 in der Doku-Soap „The Simple Life“ zu sehen. 

Paris Hilton wurde zu Beginn ihrer Karriere mit einer Geschichte konfrontiert, die sich heute in dieser Form nicht mehr abspielen würde. Ihr Exfreund Rick Salomon veröffentlichte nach der Trennung 2003 ein privates Sexvideo, zunächst im Internet, später auch auf DVD. Gern wird in diesem Zusammenhang erwähnt, erst das Filmchen habe die Einschaltquoten von „The Simple Life“ nach oben getrieben, erst durch „One Night in Paris“ sei Hilton zum Star geworden. Diese Argumentation verkennt die Tatsachen: Salomon hatte die Amateuraufnahmen ohne Hiltons Zustimmung ins Netz gestellt. Er habe damals im Hotelzimmer die Kamera ausgepackt, sie habe sich beim Gedanken, gefilmt zu werden, nicht wohlgefühlt, erinnert sich Hilton in ihrer Doku. „Er hat mich quasi dazu gezwungen. Es war, als wäre ich elektronisch vergewaltigt worden.“ Auf diese Weise habe sie nie bekannt werden wollen. „Ich wusste nicht wirklich, was ich tat, aber jeder schaute es an und lachte, als ob es etwas Lustiges wäre“, erklärt eine den Tränen nahe Paris Hilton 21 Jahre später. „Es war meine erste Beziehung. Ich war 18, ich war so in ihn verliebt und ich wollte ihn glücklich machen.“ Am Ende aber war sie die Böse in der Geschichte – nicht der 13 Jahre ältere Mann, der sie gefilmt und das Video ohne ihr Einverständnis veröffentlicht hatte.

Hilton verklagte Salomon damals auf Schadenersatz, nachdem ihre Familie erfolglos versucht hatte, rechtlich gegen die Verbreitung des Videos vorzugehen. Nachträglich wurde ihr eine Entschädigung sowie eine Beteiligung am Verkaufserlös zugesprochen. Ein schwacher Trost, wenn man als Anfang 20-Jährige gegen seinen Willen auf Pornoseiten landet. Wenn man weiß, dass dieser Film auf ewig in der Welt bleibt.

Paris Hilton Selbstvermarktung vorzuwerfen, bewusstes Kalkül in Bezug auf das Video, ist ein absurdes Narrativ. Sie muss bis ans Ende ihres Lebens damit leben, muss es vielleicht irgendwann ihren Kindern erklären. „Revenge Porn“ sagt man inzwischen zu der Art Aufnahmen, die Salomon damals veröffentlichte. Niemand würde heute noch öffentlich von einem geschickten PR-Schachzug der darin zu sehenden Frau sprechen. 

Wenigstens konnte Paris Hilton in ihrem Film nun einmal ihre Version der Geschichte erzählen. Zu dieser Geschichte gehört auch die Erkenntnis, dass Geld niemanden vor Missbrauch und Misshandlung schützt. Ihre Berichte über die Zeit in der Provo Canyon School in Utah, auf die sie die mit dem aufmüpfigen Teenager überforderten Eltern schickten, sind das krasseste Beispiel dafür. Erst kürzlich hat Hilton bei einer Anhörung vor der Senatskammer in Utah nochmals von psychischen und körperlichen Misshandlungen an dem Internat gesprochen, das sie in den 90er-Jahren elf Monate lang besuchte. Kinder seien in der Einrichtung gegen die Wand geworfen, stranguliert und sexuell missbraucht worden.

Hilton ist mit ihren Erfahrungen zum prominenten Gesicht der Bewegung Breaking Code Silence geworden, die Teenagern, die in sogenannten Bootcamps und anderen privaten „Umerziehungs“-Einrichtungen Traumatisches erlebt haben, eine Stimme gibt. Sie will ihre Bekanntheit nutzen und sich dafür einsetzen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und Einrichtungen wie ihre damalige Schule schärfer staatlich kontrolliert werden. Drei Tage nachdem Hilton über den systemischen Missbrauch ausgesagt hatte, zeigte sich der Senat bereit, ein Gesetz zu verabschieden, um diese Einrichtungen stärker zu beschränken.

Das It-Girl von einst kann nun dafür sorgen, dass sich Dinge ändern. Gegen Hasslisten im Internet hat sie jedoch keine Handhabe. Sie kann nur hoffen, dass es sich irgendwann von selbst versteht, dass Mobbing immer schmerzt – auch dann, wenn man mit allen erdenklichen Privilegien aufgewachsen ist.