Berlin - Paul Stanley ist Gründungsmitglied, Gitarrist und Sänger der amerikanischen Hard-Rock-Masken-Band Kiss, die in ihren letzten Zügen liegt. Um sich in der Rente nicht zu langweilen, hat sich das 69-jährige „Starchild“ – so sein auf sein Make-up bezogener Bühnenname bei Kiss – eine Zweitband zugelegt. Für das 2015 gegründete Projekt Soul Station versammelt er bis zu 17 Musiker und Musikerinnen um sich, gerade ist ein neues Album erschienen. Beim Zoom-Interview sitzt Stanley im kurzärmligen schwarzen Hemd vor einem mit Familienporträts dekorierten Kaminsims und spricht mit Elan über seine Soul-Wurzeln, das baldige Ende von Kiss, seinen talentierten Sohn und die dunkle Seite von Deutschland.

Berliner Zeitung: Mr. Stanley, wie geht es Ihnen?

Paul Stanley: Mir geht’s prima. Ich bin zu Hause, meine Familie ist sicher. Covid ist in Los Angeles der absolute Albtraum, aber wir sind übervorsichtig. Gerade habe ich meine zweite Biontech-Impfdosis bekommen – ohne Nebenwirkungen. Ich betrachte mich als sehr glücklichen Menschen.

Sie sind sehr offen, was Ihren Unmut über Corona-Leugner betrifft.

Wie kann man nicht an etwas glauben, das Menschen tötet? Sie sterben an einem Scherz – na klar! Jeder darf seine Meinung haben, aber diese sollte auf Fakten basieren. Wir sind in einer gefährlichen Position, wenn Leute nicht gewillt sind, Rücksicht auf ihre Mitmenschen zu nehmen. Ich nehme das mit der Solidarität sehr ernst.

Es macht Sie wütend?

Klar! Und Impfgegner besonders: Jetzt sagen diese Leute, dass sie sich die Impfung sparen und auf Herdenimmunität warten wollen, dann könnte ihnen ja nichts passieren. Ah, okay, also sollen sich alle impfen lassen, damit sie den Nutzen davon haben? Sorry, aber das ist unterste Schublade.

Auf welches Wiedersehen freuen Sie sich am meisten?

Auf das mit meinem Vater. Als er 100 Jahre alt wurde, konnte ich nicht bei ihm sein. Aber jetzt darf ich ihn wieder besuchen, denn er hat seine Impfung auch bekommen. Und das Tollste ist: Mein Dad ist mit seinen fast 101 Jahren immer noch so scharfsinnig wie früher. Es war nicht sein Ziel, so alt zu werden. Bei ihm sind es die Gene. Ich hoffe, ich komme da ganz nach ihm. Denn ich möchte sehr gerne 101 Jahre alt werden.

Sie tun auch einiges dafür: Auf Instagram berichten Sie von Ihren langen Fahrradtouren.

Es ist noch keine Obsession, auch wenn mir das gern unterstellt wird. Für mich ist es nicht verrückt, die vielen Meilen durch die hügelige Landschaft Kaliforniens abzureißen. Man isst und schläft ja auch jeden Tag. Also sollte man auch seine Übungen machen. Wenn nicht jeden Tag, dann doch wenigstens dreimal die Woche. 

Ihre Kinder tragen Masken mit Kiss-Logo. Sind sie Fans?

Ja, ihr Dad ist der Coolste für sie.

Das könnte sich ändern, wenn sie Teenager werden.

Vielleicht. Aber mein Sohn Evan ist bereits 24. Ich bin also schon mit einem meiner vier Kinder durch diese Phase gegangen. Gott sei Dank standen Evan und ich uns immer total nah. Wir sprechen jeden Tag. Er fand seinen Vater nie peinlich. Aber mal schauen, wie es bei meinen anderen Kids läuft.

Evan folgt Ihnen in den Beruf des Musikers, oder?

Ja, er ist ein richtig guter Gitarrist, ein großartiger Sänger, und er schreibt wunderbare Musik. Das ist seine Leidenschaft. Aber er versucht nicht, ich zu sein. Er ist nicht Junior-Paul. Davor habe ich Respekt. Meine Kinder werden nicht gepampert, auch Evan erwartet nicht, dass er eine besondere Behandlung bekommt. Bis er anfing zu studieren, arbeitete er bei einem Lieferdienst und fuhr Restaurant-Essen aus. Er arbeitet hart für das, was er tun will. Er ist toll.

Auch Sie zeigen viel Herzblut mit Ihrer neuen Band Soul Station. Sie scheinen im Einklang mit Ihrer sanften, femininen Seite zu stehen.

Ich glaube nicht daran, dass maskulin zu sein bedeutet, permanent die Muskeln spielen zu lassen. Testosteron zu haben ist nicht gleichbedeutend damit, ständig ruppig und rau zu sein. Ich habe jedenfalls keine Angst vor meinen Gefühlen. Bei Soul Station singe ich viel mit meiner softeren Stimme. Aber ich finde gerade dadurch, dass ich Verletzlichkeit zeige, zeige ich besonders viel Stärke. Letzten Endes ist es das, was ich immer an den alten Motown-Songs liebte: Smokey Robinson singt über Beziehungen, über den Schmerz, den er fühlt, und darüber, jemanden zu brauchen. Das lässt ihn aber nicht schwächlich dastehen, es macht ihn nur noch stärker.

Viele Leute hielten es anfangs trotzdem für einen Witz, dass der Kiss-Frontmann nun eine Soul-Band unterhält.

Es mag einige überrascht haben, ich selbst habe mich allerdings nicht überrascht. Und die Menschen, die mir am nächsten stehen, auch nicht. Es sind die Songs, die ich singe, wenn ich zu Hause bin, und das schon seit über 30 Jahren. Ich habe es nur nicht auf der Bühne getan. Manche raten mir: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist: Aber egal, ob ich auf dem Freeway unterwegs bin oder der deutschen Autobahn – ich will Gas geben und dabei immer mal wieder die Spur wechseln.

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Zur Person

Paul Stanley kam 1952 in New York als Stanley Bert Eisen zur Welt. Seine Mutter wurde 1923 in Berlin geboren, sein Vater stammt aus Polen. 1933 ließen seine Großeltern und seine Mutter alles Hab und Gut zurück und flohen von Berlin nach Amsterdam und später nach New York. 

Stanley besuchte die High-School „Music & Art“ und verdiente das Geld für seine Gitarrenstunden als Taxifahrer. Zu Beginn der 70er-Jahre gründete er zusammen mit Eugene Klein, der sich später Gene Simmons nannte, die Rockband Wicked Lester. Doch das Konzept einer glamourösen Rock’n’Roll-Band ging nicht auf, daher suchten sie schon bald Mitstreiter für eine Band, die Theatralik und Rock vereinen sollte. Mit Schlagzeuger Peter Criss und Leadgitarrist Ace Frehley entstand so die Band Kiss, die 1974 ihre erste Platte auf den Markt brachte. Mit mehr als 100 Millionen weltweit verkauften Alben zählt die Gruppe zu den erfolgreichsten Rockbands.

2014 wurde Stanley gemeinsam mit den übrigen Kiss-Gründungsmitgliedern in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Das Album „Now And Then“ von Paul Stanleys neuer Band Soul Station ist am Freitag bei Universal erschienen.

Mit welchem kulturellen Verständnis sind Sie aufgewachsen?

Meine Mutter wurde in Berlin geboren, mein Dad gehörte zur ersten Generation im unabhängigen Polen. Als ich Kind war, wohnten wir in der Nähe des Broadways in einem Viertel mit jüdischen Immigranten. In Europa sehen die Menschen die Künste viel mehr als Teil des Lebens. Anders ist es in Amerika, wo es eher einer Fußnote gleichkommt. Ich wuchs auf mit dem Selbstverständnis, dass man in Museen geht, sich bildende Kunst anschaut, das Theater besucht und die Künste erlebt. Das ist Teil meines Persönlichkeit.

Ihre Mutter war Jüdin und floh aus Deutschland vor den Nazis. Wie hat Sie die Familiengeschichte geprägt?

Nun, ich bin aufgewachsen umgeben von Leuten, die Nummern auf ihrem Arm tätowiert hatten. Das war der Kreis von Menschen, zu dem wir gehörten. Aber natürlich gab es über sechs Millionen andere, die es nicht aus Deutschland rausgeschafft hatten – der Gedanke war immer präsent. Meine Mutter war eine stolze Deutsche, eine stolze Berlinerin, und sie war fassungslos, dass man sie dort umbringen wollte.

Hat Sie oft darüber gesprochen?

Ja. Es muss unglaublich schlimm sein, wenn du dein Land liebst und es sich plötzlich gegen dich richtet. Meine Familie hatte Glück, sie bekamen einen Tipp von jemandem, dass sie am nächsten Tag festgenommen werden sollten. Sie packten ein paar Sachen zusammen, ließen Appartement und Auto in Berlin zurück und schafften es Ende 1935 mit dem Zug über Prag nach Amsterdam. Vier Jahre später bekam meine Mutter dann endlich das Visum für den Flug in die USA.

Und zwölf Jahre später wurden Sie geboren. Hatten Sie Vorbehalte gegenüber Deutschland, als Sie das erste Mal hier auf Tour gehen sollten?

Ja, die hatte ich. Absolut. Ich wusste, was die Deutschen und die Nazis getan hatten. Und es war für mich unvorstellbar, unbegreiflich, unbeschreiblich schrecklich und irgendwie auch verrückt. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem Deutschland als Ort der Angst, des Todes und des Bösen betrachtet wurde – verständlicherweise. Es war kein Vorurteil, es war die Wahrheit. Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, hatte ich nichts als schlechte Gefühle und Magenschmerzen. Ich fühlte mich sehr unwohl.

Aber das konnten Sie ablegen?

Es brauchte einige Besuche, bis sich das einstellte. Heute weiß ich: Da sind jede Menge wundervolle Menschen in Deutschland. Und klar, die Situation hat sich im Vergleich zu damals geändert. Aber lass uns ehrlich sein: Es ist offensichtlich, dass sich da wieder was zusammenbraut. Du kannst sie Neonazis nennen – aber warum nennen wir sie nicht gleich Nazis? Sie sind nichts anderes.

Bereitet Ihnen das schlaflose Nächte?

Schon. Ich habe genug gelesen, um zu wissen, dass sich unter der Oberfläche eine antisemitische Strömung zusammenbraut. Die haben offensichtlich nichts gelernt. Und ich hinterfrage die deutsche Regierung, die das nicht im Keim erstickt, bevor sich solches Gedankengut weiter ausbreitet. Amerika hat seine eigenen Probleme mit Rassismus, aber Sie fragten mich nach Deutschland, also spreche ich über das Land, das ich liebe und in dem ich wundervolle Freunde gefunden habe. Und trotzdem muss ich sagen, dass ich wenig Verständnis dafür habe, wie der Anstieg in Sachen Rassismus, Antisemitismus und Nationalsozialismus toleriert oder nur lasch geahndet wird. Ich hoffe inständig, dass wir jedes Land, in dem solche Entwicklungen stattfinden, davon befreien können.