Harry, 36, und Meghan, 39, haben es getan: In ihrem lange angekündigten Interview mit der reichweitenstarken und skandalerprobten Rührseligkeitsexpertin Oprah Winfrey, 67, haben die beiden am Sonntag zur besten amerikanischen Sendezeit in zwei atemlosen Stunden zum finalen Goodbye aufs britische Königshaus ausgeholt – ein Fußtritt wäre kaum deutlicher gewesen. Dabei sind alle auf ihre Kosten gekommen: Der Fernsehsender CBS durfte sich über den Verkauf horrend teurer Werbeminuten freuen und das Herzogspaar über maximal große Zerstörungskraft. Harrys und Meghans Botschaft an diesem denkwürdigen Abend wie bei allen anderen Gelegenheiten bislang auch: Schuld sind immer nur die anderen.

Das zweite Kind, das beide derzeit erwarten, wird ein Mädchen

Winfrey hat also geliefert und brachte das Paar zum Plaudern. Meghan erzählte, sich Anfang 2020 mit Selbstmordgedanken getragen zu haben, weil der Palast sie nicht unterstützte. Nie habe es gegen rassistische Angriffe und „koloniale Untertöne“ in den Medien auch nur die geringste Unterstützung gegeben, sekundierte Harry. Im Gegenteil, man habe Rassismus in der engeren Familie erfahren, so Meghan. Als sie mit Sohn Archie schwanger war, habe es Bedenken gegeben, „wie dunkel seine Haut sein könnte, wenn er geboren wird“. Harry fühlte sich von seinem Vater, Prinz Charles, 72, „wirklich im Stich gelassen“. Und dann noch eine gute Nachricht: Das zweite Kind, das die beiden derzeit erwarten, wird ein Mädchen sein. Mehr Neuigkeiten gab es nicht.

Kein Witz: Das als „intimes Gespräch“ in Aussicht gestellte Großinterview, für das in etlichen Vorabveröffentlichungen ja mit dem größtmöglichen Skandal um ein größtmögliches Publikum geworben wurde, hat inhaltlich kaum mehr als einige Zuspitzungen ergeben. Wir wussten bereits alles, entweder weil es in den zuvor gestreuten Appetithäppchen schon gesagt worden war oder weil Harry und Meghan noch nie allzu viel Zurückhaltung bei der millionenfachen Verbreitung ihrer Befindlichkeiten und Standpunkte erkennen ließen. Ihre mediengerechte, gern auch twitterknappe Mitteilungslust ist genuiner Bestandteil des Geschäftsmodells: Schließlich sind Harry und Meghan als Ich-Unternehmer im Charity-Business unterwegs.

Diese Entwicklung haben sie in erstaunlich kurzer Zeit hinter sich gebracht. Als sie vor drei Jahren heirateten, galten sie noch als royale Hoffnungsträger; sie sollten dem britischen Königshaus mit viel jugendlicher Frische, mit ihrem so gar nicht griesgrämigen, stocksteifen Gehabe, sondern unverbrauchtem, unbekümmertem Charme neues Leben einzuhauchen – die betagte Monarchie mit der Gegenwart versöhnen und so etwas wie einen modernen Neuanfang zu ermöglichen. Selbst Königin Elizabeth II., 95, schien sich dem nicht entziehen zu können. Bilder von einer sichtlich ausgelassenen Queen an der Seite Meghans machten die Runde. Noch bei Winfrey lobte sie die alte Dame, als Einzige der Royal Family: „Sie war immer wundervoll zu mir.“ 

Bis zur Selbstverleugnung perfektionierte Pflichterfüllung

Dann aber vor einem Jahr die als „Megxit“ bezeichnete Flucht vor dem royalen Brimborium: Das Traumpaar hatte offenbar die Lust verloren oder einfach nur festgestellt, dass sich eine altehrwürdige, jahrhundertealte Institution wie die Monarchie mit ihrem feierlich inszenierten Blutsbande- und Traditionsgedöns nicht einfach so ändern lässt. Harry und Meghan wollten wohl Gutes tun, aber ihre Selbstverwirklichung nicht dem strengen Palastprotokoll unterwerfen. Und so wurden die ersten Risse sichtbar: Hier die wilden Sussexes, dort die vor Ehrwürdigkeit und Langeweile erstarrten Palastbewohner, die ihr ödes Business as usual abspulen – allen voran die Königin mit ihrer bis zur Selbstverleugnung perfektionierten Pflichterfüllung.

Nein, so enden wie Harrys kaum älterer, aber bereits jetzt schon frühvergreister Bruder William, 38, und dessen lippensteife Frau Kate, 39, wollte das Paar nicht. Harry und Meghan zogen ins sonnige Kalifornien. Ein nicht unwesentliche Grund für ihre Demission war überdies der äußerst aggressive britische Boulevard, gegen den sich beiden alsbald auch juristisch zur Wehr setzten. Hinzu kamen rassistische Ausfälle gegen Meghan. All das war offenbar nicht zum Aushalten und begründete das bis heute und auch bei Oprah Winfrey auf dem Talkshow-Sessel wieder erzählte Opfernarrativ der Sussexes: Sie hätten sich mit dem warnenden Beispiel von Harrys Mutter, Prinzessin Diana, vor Augen schützen müssen.

Harry und Meghan verfeuern ihre königlichen Restwürden

Täter und Opfer: So einfach ist das. Dass Harry und Meghan unterdessen ein eigenes Charity-Unternehmen aufbauten – die Archewell Foundation – und dabei insbesondere von ihrem königlichen Nimbus profitierten, schien da kaum noch zu interessieren. Hier nämlich sind sie keineswegs als Opfer unterwegs, sondern als Täter: selbsternannte Wohltäter. In der Öffentlichkeit treten sie mit einer Selbstverständlichkeit und einem Sendungsbewusstsein auf, das jedwede Kritik nur schwer erträgt. Diese majestätisch-absolutistische Geste – eine Art royaler Reflex – mag mit viel philanthropischem Buhei daherkommen, undemokratisch bleibt sie gleichwohl. Kurzum, Harrys und Meghans Opfernarrativ wird zur billigen Ausrede.

Sie wollen beides gleichzeitig sein: öffentliche und Privatperson, Wohltäter und Unternehmer, Blaublüter und Bourgeois – und lassen keinen müden Gedanken erkennen, wie das zusammengehen soll. Sie erschleichen sich auf diese Weise einen postroyalen Unfehlbarkeitsstatus, von dem auch ihre demonstrative Unbekümmertheit nicht ablenken kann. Das ist auf Dauer langweilig und in seinem weiteren Verlauf absehbar: Harry und Meghan werden ihre königlichen Restwürden für ihr eigenes Fortkommen nutzen: verfeuern, verramschen. Die Monarchie avanciert aus der sonnigen Distanz Kaliforniens zur Melkkuh fürs Charity-Business. Das Winfrey-Interview war vor allem dies: Ausverkauf.

Der Buckingham-Palast wehrt sich und hat allen Grund dazu

Dass sich der Buckingham-Palast dagegen wehrt, scheint da einigermaßen zwingend. Um das zu verstehen, muss man kein Monarchist sein, ja nicht einmal eine einzige Handlung oder auch nur Regung des königlichen Palastpersonals gutheißen. Denn es geht ganz einfach um die Selbsterhaltung einer Institution. Harry und Meghan pfeifen auf die royale Etikette und machen ihr eigenes Ding – und eben das trifft wegen der Blutsbande zumindest vonseiten Harrys die Königsfamilie und die Monarchie in ihrem Kern. Anders gesagt: Die Windsors müssten Harry sofort aus der Thronfolge entfernen. Ihn nicht rauszuschmeißen, machte sie ansonsten zum Opfer ihrer selbst, ihrer eigenen Traditionsverhangenheit.

Man könnte also Menschen aus der königlichen „Firma“ entlassen, weil sie den Betriebsfrieden in existenzgefährdender Weise stören? Wenn das passierte, hätten Harry und Meghan doch noch für einen Modernitätsschub im Palast gesorgt. Der einzige Nachteil dieser Operation am offenen Herzen des Königshauses allerdings läge darin, dass mit ihr ein sehr zuverlässiger Anlass für die bisweilen unterhaltsame, da fremdschäm- und schadenfrohsinnige Royal Soap entfiele.