Berlin/Stockholm - Schon sein Großvater hatte Geschichte geschrieben: Gustav VI. Adolf, der von 1950 bis 1973 König von Schweden war, galt nicht nur als respektierter Gelehrter, Archäologe und Kenner der chinesischen Kunst. Sein größter Verdienst war sein Beitrag zu einem neuen, modernen, weil demokratisch geprägten Typ von Königreich. Nur durch seine Anpassungsfähigkeit an die schwedische Gesellschaft, seine Progressivität und seinen Umgestaltungswillen gelang es, dass Schweden überhaupt eine Monarchie bleiben konnte, mit dem Hause Bernadotte auf dem Thron. Große Fußstapfen, in die sein Enkelsohn Carl XVI. Gustaf nach dem Tod des Großvaters im Jahr 1973 treten musste.

Inzwischen hat auch Carl Gustaf, der mit vollem Namen Carl Gustaf Folke Hubertus heißt und an diesem Freitag (30. April) 75 Jahre alt wird, seinen Platz in den Chroniken sicher – und sei es auch nur als Rekordhalter. Seit nunmehr drei Jahren ist er der am längsten regierende König der schwedischen Geschichte. Dabei konnte er der für ihn bestimmten Rolle zunächst wenig abgewinnen – und musste sie dennoch schon früh antreten. 1947 kam sein Vater bei einem Flugzeugabsturz in Dänemark ums Leben, da war sein Sohn nicht einmal ein Jahr alt.

Fortan wuchs Carl Gustav in dem Bewusstsein auf, eines Tages nach dem Tod seines Großvaters den Thron zu besteigen. Als es so weit war, war er gerade einmal 27 Jahre alt – so jung wie kaum ein anderer Monarch in Europa. Viele erachteten ihn als nicht reif genug für ein derart wichtiges Amt. „Schwedens Könige waren aus Tradition immer Feldherren, Staatswissenschaftler oder Forscher. Er ist nichts“, schrieb eine Zeitung.

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Die königliche Familie am Nationalfeiertag 2018: Carl Gustaf mit seiner Frau Silvia, der Tochter Victoria und deren Mann Daniel Westling sowie deren Kindern Estelle und Oscar.

Über den Verlust seines Vaters hat sich Carl Gustaf erst als Erwachsener geäußert – zu Hause sprach man nicht über die Tragödie. Seine Mutter Sibylla, die durch den Tod ihres Mannes zur Witwe mit fünf Kindern wurde, galt bis zu dem Unglück als offenherzig und lebhaft. Nach dem Ereignis wurde sie immer zurückhaltender und reservierter. Sie trauerte im Verborgenen.

Erst in seiner berühmt gewordenen Rede bei einer Trauerfeier für die Tsunami-Opfer erzählte Carl Gustaf im Jahr 2005 auch von seiner eigenen, vaterlosen Kindheit – und rief im gleichen Atemzug zu Mitgefühl und Hilfsbereitschaft auf. „Ich bin, wie viele andere in meiner Generation, nicht gewohnt, Gefühle zu zeigen. Aber ich möchte allen, die das auch kennen, sagen: Wagt, Schwäche zu zeigen, Wärme und Gefühl. Wir sind alle nur Menschen, ohne sichere Antworten auf Fragen, warum das Leben, das so angenehm und lustvoll sein kann, plötzlich so grausam und unbegreiflich ist.“ Mit dieser Ansprache fand Carl Gustaf nicht nur die richtigen Worte, sondern auch den Weg in die Herzen vieler Schweden.

ABBA sangen „Dancing Queen“ zu Ehren des königlichen Brautpaars

Vormals wurde der Monarch oft als wenig stilsicher, manchmal gar als einfältig wahrgenommen. Heute schätzt man seine schnörkellose Beständigkeit und sein solides Auftreten. Gelegentliche Sperrigkeiten bricht die Frau an seiner Seite, Königin Silvia, mit ihrer grundständigen, sympathischen Art gekonnt auf. Die als Silvia Renate Sommerlath in Heidelberg geborene Deutsche trat kurz vor der Inthronisierung ihres Mannes in dessen Leben. Mancher spricht von einem Sommermärchen: Carl Gustaf und Silvia Sommerlath lernten sich 1972 bei den Olympischen Spielen in München kennen, bei denen die schöne Deutsche als Hostess gearbeitet hatte. Vier Jahre nach dem ersten Treffen verlobte sich das Paar, am 19. Juni 1976 folgte die glanzvolle Hochzeit in der Stockholmer Domkirche.

Am Tag vor der Trauung wurde das ABBA-Lied „Dancing Queen“ zu Ehren des Brautpaars im schwedischen Fernsehen uraufgeführt. Die vier Bandmitglieder hatten sich für ihren Auftritt in der Königlichen Oper extra in opulente barocke Kostüme gehüllt, Federhütchen und Strumpfhosen inklusive. Das Lied widmeten Benny, Anni-Frid, Agnetha und Björn der künftigen Königin. Damals war es eine Sensation, dass eine Deutsche, zudem noch mit bürgerlicher Abstammung, Schwedens König heiratete. Im Land war Silvia dennoch beliebt – und ist es bis heute. In Popularitätsrankings zur Königsfamilie rangierte sie in den vergangenen Jahrzehnten meist an erster Stelle – nur hin und wieder verdrängt von ihrer ältesten Tochter Victoria.

Die Popularität der Frauen färbte auch auf Carl Gustaf ab. An der Seite seiner volksnahen, unprätentiösen Gattin überstand der Monarch Krisen und Skandale. Als der Journalist Thomas Sjöberg 2010 in der unautorisierten Biografie „Der widerwillige Monarch“ Besuche des Königs im Stripclub und gar eine Königsaffäre mit der Sängerin der Popband Army of Lovers schilderte, schwieg Silvia, ohne ihrem Mann auch nur ein Stück von der Seite zu weichen. Ein richtiges Dementi gab es vom Königshaus nie, aber diese Geste war vielleicht Antwort genug.

Seitdem hat sich das Image des schwedischen Hofes dank Märchenhochzeiten, Enkelgeburten und anderen idyllischen Inszenierungen wieder gebessert. Mittlerweile halten Filmemacher Carl Gustafs Leben gar für so spannend, dass sie ihm eine eigene TV-Serie widmen wollen. „The Crown“ auf Schwedisch, wenn man so will. Die Drehbuchschreiberin Åsa Lantz sagte dazu Anfang dieses Jahres, anderen Königen und Königinnen werde nachgesagt, Einfluss auf das Weltgeschehen gehabt zu haben. „Die Geschichte unseres Königs ist etwas anderes. International nicht so hervorgehoben, aber mindestens so dramatisch und faszinierend. Und für viele von uns völlig unbekannt.“ (mit dpa)