Billy Eilish, 19, hat gerade ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Bei der erfolgsverwöhnten Sängerin läuft nichts rund, in den sozialen Netzwerken bläst ihr ein veritabler Shitstorm nach dem anderen ins Gesicht: Erst warf man ihr vor, mit ihrem neuen Musikvideo zu „Lost Cause“, in dem sie mit ihren Freundinnen im Bett herumtobt, „Gaybaiting“ zu betreiben, also so zu tun, als sei sie nicht heterosexuell, um sich bei der LGBTQ-Gemeinde einzuschmeicheln und neue Anhänger anzulocken („bait“). Jetzt könnte es für Eilish noch schlimmer kommen: Auf Videos soll sie Asiaten beleidigt haben … Doch der Reihe nach.

Eilish zeigt sich gelangweilt oder angeödet von der Diskussion

Denn eigentlich hatte Eilish doch erst kürzlich einen weithin bebeifallten Imagewechsel hingelegt. Die Künstlerin, die bisher für ihre eher androgyne Erscheinung bekannt war, für ihre grün-schwarzen Haare, bequeme Riesen-Pullis, Baggy-Hosen – sie erschien auf dem Cover der britischen Vogue im Stile eines Pin-ups aus den 1950er-Jahren. In dem dazugehörigen Interview erklärte Eilish: „Veränderung ist eines der schönsten Geschenke, das es auf der Welt gibt.“ Die fröhliche Botschaft, dass du sein darfst, wer auch immer du sein willst, wurde als Inklusionsmotto allenthalben gefeiert. Ein identitätspolitisches Manifest!

Doch mit dem Song „Lost Cause“ zeigten sich erste Risse in Eilish’ schöner neuer Welt. Anlass war das laszive Gerangel mit ihren Freundinnen in dem besagten Video. Die Sängerin hatte dazu einen Instagram-Post mit „I love girls“ überschrieben. Und so wurde nun auf Twitter beklagt: „Du spielst mit Gefühlen, damit kannst du anderen richtig weh tun.“ Oder: „Ausgerechnet im Pride-Monat macht sie plötzlich einen auf ‚Ich liebe Mädchen‘ – das geht gar nicht!“ Der Vorwurf: Eilish‘ Verhalten ist insofern homophob, als es nicht ernst gemeint ist. Und tatsächlich, sie zeigte sich doch unlängst mit dem neuen Freund Matthew Tyler Vorce, 29.

Das erregungsfreudige Internet brodelt. Eilish kommentierte nur indirekt die Kontroverse. Auf Instagram postete sie ein Selfie, auf dem sie völlig erschöpft aussieht, und schrieb dazu: „So müüüüüüde“. Danach ging der digitale Pranger erst richtig los. Ein von einem Benutzer namens @lcxvy veröffentlichtes TikTok-Video zeigte Aufnahmen, auf denen Eilish das Wort „Chink“ zu sagen scheint – eine schwere rassistische Beleidigung gegen Menschen chinesischer Herkunft. In einem zweiten Clip scheint sie sich über einen asiatischen Akzent lustig zu machen, während ihr Bruder ihr „schwarzen Akzent“ vorwirft.

In welchem Kontext die Videos entstanden sind, wird allerdings nicht klar. Zudem soll Eilish in der Zeit 14 Jahre alt gewesen sein. Aber auch das spielt keine weitere Rolle: Sofort wurden Stimmen laut, dass man sie „canceln“ sollte. Ein Anhängerin kündigte an, ihr Idol ab sofort „entfreunden“ zu wollen: „Es ist ekelhaft, wie sie sich über schwarze und asiatische Akzente lustig macht.“ Andere Fans verteidigten Eilish damit  dass sie am Tourette-Syndrom leidet. Das Problem dieser Verteidigung: Eilish hatte 2018 in einem Interview gesagt, dass sie nicht unter verbalen, sondern nur unter körperlichen Tics leide.

Der irgendwie woke Identitätsfuror richtet sich gegen sich selbst

Nun ließe sich das Scharmützel als belanglos abtun. Oder aber als ein sehr interessantes Lehrstück, gerade weil sich am Beispiel von Eilish zeigt, wie sich ihre eigene, irgendwie woke, also identitätspolitisch korrekte, da differenzorientierte Feier des Sei-wer-du-sein-willst gegen sie selbst richtet – gegen Eilish als eine ihrer populären Protagonistinnen. Wie auch immer, wo ein Pranger ist, ist die Selbstbezichtigung nicht weit: Während sich die Künstlerin (möglicherweise klug beraten) bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert hat, entschuldigte sich auf einmal ihr Freund für eigene rassistische und homophobe Beleidigungen.

In seiner Instagram-Story sagte Matthew Tyler Vorce: „Ich will mich für all die Dinge entschuldigen, die ich in der Vergangenheit auf Social Media gepostet habe. Die Worte, die ich benutzt habe, waren verletzend und unverantwortlich. Ich hab jetzt verstanden, wie beleidigend meine Worte waren.“ Dabei bezieht Vorce sich auf länger zurückliegende Posts. Aber das Netz vergisst nichts. „Ich schäme mich und es tut mir so leid, dass ich anderen Schmerzen zugefügt habe … Ich werde in Zukunft nie wieder so eine Sprache benutzen.“

Ein digitaler Schauprozess. Eine vollkommen selbstgenügsame Übung. Die kann immer so weitergehen.