Edinburgh/Berlin - Shantys wurden ursprünglich auf Handels- und Fischerschiffen gesungen, als Motivationshilfe im Knochenjob. Wenn mit gemeinsamer Kraft Anker gehievt, Segel gesetzt und Netze eingeholt wurden, schmetterten die Arbeiter Seemannslieder. Ihre Blüte erlebten die Lieder im 19. Jahrhundert, als Großbritannien die führende Seefahrernation war. Aber auch heute noch erfreuen sich Shantys großer Beliebtheit, besonders Chöre in Hafen- und Küstenstädten sorgen dafür, dass das traditionelle Liedgut auch weiterhin gepflegt wird.

Hierzulande kennt man zum Beispiel den Shanty-Chor aus „Inas Nacht“, der Late-Night-Show von Ina Müller. Mit einem Mix aus Shantys und anderen Stilen feiert seit 2012 auch die deutsche Band Santiano Erfolge. International für Aufsehen und euphorisches Schunkeln sorgt seit kurzem aber ein anderer Name: Nathan Evans. Der 26-jährige Schotte aus Airdrie ist von Hause aus Postbote und verdiente sein Geld bislang mit dem Zustellen von Briefen und Paketen.

Musik interessierte Evans allerdings auch schon lange, und so stellte er auf der Plattform TikTok zunächst einige Folk- und Popsongs online. Kein großer Hit, der kam erst, als man Evans im vergangenen Sommer auf Seemannslieder aufmerksam machte. In Großbritannien hatte etwa der Shanty-Chor Fisherman’s Friends aus einem kleinen Dorf in Cornwall beachtliche Charterfolge verzeichnet. Der Postmann nahm also bekannte Seemannslieder wie „Leave Her“, „Johnny“ und „Drunken Sailor“ auf, bevor er auf den „Wellerman“-Song stieß, den zwei Jahre zuvor die A-cappella-Truppe The Longest Johns ins Internet geschickt hatte. Evans ging mit seiner Version direkt nach Weihnachten online – und erreichte innerhalb einer Woche unglaubliche acht Millionen Abrufe. Bei YouTube kann man sich davon überzeugen, wie eingängig und schunkelstampfanregend das Lied geworden ist.

„Soon may the Wellerman come to bring us sugar and tea and rum“: Der Shanty von Nathan Evans.

Quelle: YouTube

„Soon may the Wellerman come, to bring us sugar and tea and rum“, heißt es im TikTok-Seemannslied des jungen Schotten, der zwar nicht auf eine Matrosenlaufbahn, aber doch immerhin auf eine ehrliche Arbeiterkarriere bei der Post zurückblicken kann. Nach dem Erfolg seines Covers kann Evans nun aber seinen Job als Briefzusteller aufgeben, fortan will er von seiner Musik leben. „Das ist definitiv sehr verrückt“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Es sei eine „Riesenüberraschung“ gewesen.

Mit seiner „Wellerman“-Version landete Evans nicht nur in den offiziellen britischen Charts, er schloss inzwischen auch einen Plattenvertrag beim Label Polydor ab. „Der Song ist einfach für jeden etwas zum Lächeln“, sagte Evans. Gerade im aktuellen Lockdown, wo alle zu Hause säßen, habe das bestens funktioniert: Jeder könne mitsingen. 

Ursprünglich stammt der Song aus der Zeit zwischen 1860 und 1870. Der „Wellerman“ wurde vermutlich von einem jungen Walfänger verfasst, es geht darin um den stürmischen, kräftezehrenden Einsatz an Bord des Schiffes Billy o 'Tea. Vielleicht passen die Gesänge von den einsamen Tagen an Deck ja gerade stimmungsmäßig ganz gut in die Zeit der Isolation während der Pandemie.

Wesentlichen Anteil am Erfolg hat jedenfalls die Verbreitung über das Videoportal TikTok, auf dem in den vergangenen Wochen und Monaten ein regelrechter „ShantyTok“-Hype zu beobachten war. Weil sich Musiker in Corona-Zeiten nicht mehr persönlich treffen können, schalten sie sich online zusammen und musizieren im Netz gemeinsam – zum Beispiel per Splitscreen auf TikTok. Die besten Voraussetzungen für einen launigen Shanty-Chor also. Auch Andrew Lloyd Webber, Jimmy Fallon und Elon Musk haben sich im ShantyTok-Segment bereits verewigt.