Ewig stellte sich die Frage, warum ein Tournee-Zelt wie der Cirque du Soleil einem festen Haus wie dem Friedrichstadt-Palast stets den Rang ablief – in Stil, Raffinesse, Originalität, Ästhetik und Klasse. Wir sind ein Revue-Theater, hieß es dann, ganz was anderes. Alles Unsinn. Dieses Haus lieferte am Donnerstag eine Premiere ab, bei der das Publikum immer wieder begeistert von den Sitzen sprang, setzt nach 99 Jahren zu einem Quantensprung an.

Es kapert mit einem Schlag Stil, Raffinesse, Originalität und Ästhetik des Cirque du Soleil, stellt sein einmaliges Showballett dazu und schafft so eine eigene große Wunderkammer, die sich von keinem Zelt mehr abhängen lässt. Der Erfolg gebührt allen, zuerst der Regisseurin Krista Monson aus Las Vegas.

Der Abend fängt ganz langsam an, wolkig und grau, mit metallischen Technoklängen, um dann dermaßen an Schwung und Feuer zu gewinnen, dass man mit seinen zwei Augen nicht die Hälfte des Geschehens erfassen kann. Die Überwältigung, die „Vivid“ im Friedrichstadt-Palast mit 100 Künstlern auf der Bühne in jedem Bild auslotet, muss man erst mal hinbekommen auf einer fußballfeldgroßen Bühne und bei einem Publikum, das an Blockbuster-Szenarien im Kino gewöhnt ist. Aber es funktioniert, denn alles passiert live.

Frostige Erotik oder Langeweile

Früher war man manchmal dankbar, wenn das Schlussbild nahte – eine peinliche Hauptfigur, frostige Erotik oder Langeweile konnten viel verderben. „Vivid“ dagegen achtet auf Strahlkraft im Ganzen wie auf Perfektion im Detail. An den acht Flügeln des meterhohen Schmetterlings kann man sich nicht satt sehen, auch nicht an den lässig auf Blumenstengeln turnenden Salamandern, den Blütenröcken der Spitzentänzerinnen.

Und da haben wir noch nicht die wehenden Kreationen des Hutmachers Philipp Treacy gerühmt, der mit Stefano Canulli für die Kostüme steht – zwischen unterkühltem Ganzkörpergrau und Lack-und-Leder-Sexyness inszenieren sie volle Farbenpracht. Jeder Hut, jedes Leibchen eine Idee. Alles leuchtet, auch die Bühne. Und die Girlreihe mit ihren wagenradgroßen Heiligenscheinen tanzt knackige Bilder wie von einem anderen Stern.

Die Story will das Leben feiern, handelt von einer Außenseiterin. Von R’Eye , halb Mensch, halb Maschine, die ihr Androiden-Dasein satt hat und sich auf die Suche macht nach – na klar – sich selbst und der Freiheit. Die schillert im Dschungel, im Nachtgarten, dem Puff und der abgründigen Hölle, zieht den Schauwert auch aus wüsten Gegensätzen.

Eingängige Titelmelodie „Extavaganza“

Sie trifft tollkühne Artisten – beim doppelten Steelwheel muss man um die Akteure zittern – folgt einem Entertainer und einem Glamour-Girl – alle Sänger von hoher Souveränität. Selbst musikalisch trumpft die Show auf, die eingängige Titelmelodie „Extavaganza“ geht mit auf den Heimweg. Die Tänzer – vor allem die Männer – waren nie so in Form, jede Choreografie hat Klasse. 

Wer nicht weiß, ob ihm die Tanz-Revue cool genug ist in ihrer universellen Eignung für Familie, Touristen und Regenbogen-Community, schaue ins Online-Programmheft. Dort ruft auch der Trailer: Bloß nicht verpassen.