Vladimir Ashkenazy 2017 in Skopje
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BerlinDirigieren ist Arbeit. Und nicht allen Dirigenten und Dirigentinnen liegt daran, den Arbeitscharakter ihrer Tätigkeit vergessen zu lassen. Der Eindruck des Aufrichtigen beim eben verstorbenen Mariss Jansons hatte auch damit zu tun, dass er sich, am bald auf Gesichtshöhe eingestellten Notenpult stehend, den Dirigierstab fest in der Faust, immer zur Handwerklichkeit seines Tuns bekannte. 

Vladimir Ashkenazy, der frühere Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters, der am Mittwoch in der Philharmonie wieder mit seinem alten Ensemble auftrat, gehört ebenfalls in diese Gruppe. Wie der 82-Jährige frohgemut auf die Bühne stolpert, hat er etwas von einem Landmann, der seinen Sonntagsanzug übergeworfen hat, um nun ein ganz anderes Feld zu beackern.

Die Kunst der Fuge

Eine Fuge von Max Reger etwa, wie sie dessen Variationen op. 86 über ein Thema von Ludwig van Beethoven beschließt. Richard Wagners „Prügelfuge“ aus dem zweiten Akt der „Meistersinger“ ist hier nicht weit; aus der Motorik des trillerverzierten Themas entwickelt sich ein munter schwatzendes Stück, bei dem die Hauptrolle doch dem Streichorchester zukommt.

Fugeneinsätze in der Flöte und in der Oboe stehen hoffnungslos auf verlorenem Posten – keine Chance, klanglich gegen den riesigen Streicherapparat anzukommen. Hätte man hier nicht ein wenig Platz schaffen können, wenn nicht mit kleinerer Besetzung, dann wenigstens mit zurückgenommener Lautstärke? So bleibt der Eindruck fröhlichen Getöses mit einem triumphal-blechernen Abschluss, der auf den Schluss des Abends vorausweist: den letzten Satz der 5. Sinfonie von Schostakowitsch, dessen Charakter so beunruhigend fließend zwischen Schmerzensschrei und Jubel wechselt.

Der Hörer durch ein' Durchwald ging

Nimmt man Schostakowitschs Sinfonie, die Ashkenazy mit Hingabe dirigiert, ohne dabei auf einen übermäßig romantischen Ton zu verfallen, nimmt man die Sinfonie als den Ausdruck eines beharrlichen Kampfes des Guten gegen das Böse, so ließen sich die Paganini-Variationen von Sergej Rachmaninow zuvor als vorbereitendes Porträt alles Himmlischen wie Höllischen verstehen.

Wie schon in Regers Fuge verbeißt sich Ashkenazy tief in dieses Werk. Zur Seite steht ihm mit Behzod Abduraimov ein Pianist von eindrucksvollen Fähigkeiten: über die technischen Anforderungen dieses Stückes erhaben, mit Sinn für nickelige Penetranz wie für ausgreifende Gesanglichkeit.

Das Orchester beteiligt sich mit knackigem Spiel, als Hörer geht man durch Dornen und Klüfte, um in der 18. Variation mit ihrer kaum beherrschbaren Gefühlswallung im Himmelreich zwischenzulanden. Dimitri Ashkenazy arbeitet derweil mit hochgezogenen Schultern, jeder Instrumentallehrer würde seinem Schüler eine solche Haltung ankreiden. Hier erwächst daraus eine Aufführung von packender Ehrlichkeit.