Werke von Andreas Mühe im Skulpturenforum in Berlin-Charlottenburg
Foto: VG Bildkunst Bonn/Roman März

BerlinDie zwei Landstreicher aus Becketts „Warten auf Godot“ sind in diesem Falle ein Maler und ein Bildhauer. Zudem Ateliernachbarn. Und Freunde. Emmanuel Bornstein, Franzose mit jüdischen Wurzeln, und der in Karl-Marx-Stadt geborene, in Ost-Berlin und der Uckermark aufgewachsene Fotograf Andreas Mühe, arbeiten seit Jahren Wand an Wand in einem einstigen Borsig-Fabrikgebäude in Berlin-Pankow.  

Bornstein gräbt mit Pinsel, Schaber und expressiv-splittrigem Farbauftrag, der sich mitunter wie unter Säure zersetzt, in Geschichte und Erinnerung. Und Mühe, Sohn des 2007 verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe arbeitet sich bislang an verstörenden „Heldenbildern“ und der eigenen Familiengeschichte ab (Ausstellung „Mischpoche“, 2019, im Hamburger Bahnhof). Egal, wer sich von beiden als Vladimir oder Estragon begreift, in den Arbeiten beider steckt die Beckett-Maxime: „Bis zum Äußersten gehen – dann wird Lachen entstehen.“ Die Traumata der Geschichte des 20.Jahrhunderts, Leben, Tod, Erinnern, Verdrängen und Vergessen, vereinen sich in Bornsteins Gemälden.

Deren erstes Motiv am Eingang zeigt unverkennbar das Bürokraten-Konterfei des NS-Massenmörders Adolf Eichmann. Holocaust und Schoah sind lesbar als Subtext. Das Bild wird flankiert von einer fast zerscherbelten Ton-Maske, die wie aus einem antiken Grabungsfeld geborgen erscheint. Sie trägt die Gesichtszüge von Andreas Mühe. Archäologie mischt sich mit Ikonoklasmus, Ernst mit Selbstironie. Das ist typisch für diesen Künstler, für den der frühe Tod des Vaters zunächst eine Krise bedeutet hat, die er überwand, indem er ihn zu seinem Motiv machte.

Auch bei Bornstein dominiert der Vater inmitten der insgesamt 30 Figuren- und Männerporträts zwischen Realität und Abstraktion. Vor dem Bild „Vaterfigur“ des Freundes hat Mühe zwischen Grünpflanzen die in den Rosenthal-Werkstätten nach seinen Tonmodellen geformten Porzellan-Köpfe seines Vaters Ulrich Mühe in neunfacher Ausführung aufgestellt. Das seltsame Arrangement wirkt auratisch, zugleich künstlich-kühl. Das Dramatische und  dessen sarkastische Brechung liegt ihm wie Bornstein offensichtlich in den Genen.

Beide stammen aus Theaterfamilien, beide lockt immer wieder der Rückgriff aufs absurde Theater, wo nichts vorankommt, sich alles im Kreis dreht und unter den Krusten der Gleichgültigkeit der Gesellschaft steckenbleibt. Und wie in Becketts Stücken, geben sich Bornstein und Mühe nicht als kathartische Verkünder oder Apokalyptiker. Eher als Spurenleger.

Vladimir & Estragon

bis 12. Juli, Mo–Do, 9–16 Uhr, Fr bis 15 Uhr, Skulpturenforum Hermann Noack, Am Spreebord 9 in Berlin-Charlottenburg, Mund-Nasenschutzpflicht, Tel:  343 57 16 71, Eintritt frei