Astronaut
Foto: Jets Filmverleih

Berlin75 Jahre hat Angus Stewart (Richard Dreyfuss) vom Weltall geträumt. In der Altersresidenz, in die er kürzlich eingezogen ist, scheint sich sein großer Lebenstraum weitgehend erledigt zu haben. In den abendlichen Ausgangsstunden beobachtet er ihn noch durch sein Teleskop. Doch der Wunsch des ehemaligen Bauingenieurs, einmal mit eigenen Augen aus dem All zurückzublicken und zu sehen, dass die Erde von nichts zurückgehalten wird als der Anziehungskraft der Sonne, ist weiter entfernt als je zuvor.

Bezeichnenderweise ist es ein Großunternehmen, das Angus eine letzte Chance bietet: Der private Raumfahrtkonzern Ventura veranstaltet ein Gewinnspiel für den ersten kommerziellen Flug ins All. Für seine Bewerbung verjüngt Angus sich um zehn Jahre, attestiert sich beste Gesundheit und schreibt eine rührende Antwort auf die Frage, warum er ins Weltall reisen wolle. Dass die Last-Minute-Bewerbung tatsächlich ausreicht, um ihn auf die Shortlist der potenziellen Kosmos-Touristen zu bringen, ist ein gutes Beispiel für die eigenwillige Dramaturgie, mit der Shelagh McLeods Debütfilm seinen Protagonisten in Richtung Weltall zu lotsen versucht.

Dreyfuss verleiht der Figur eine altersmilde Aura

Angus verliert zwar die Möglichkeit der Selbstbestimmung, überwindet aber spielerisch alle Hürden in Richtung eines Wunschtraums, der, selbst durch die Optik seines Teleskops betrachtet, weit entfernt erscheint. Nahezu alles wird von dem auf Versöhnlichkeit ausgerichteten Grundton des Films niedergewalzt und zu einer bekömmlichen Herzlichkeitserzählung umgeformt. Über weite Strecken funktioniert das erstaunlich gut. Richard Dreyfuss schafft es, Angus eine Aura der Altersmilde zu verleihen, die den sentimental verklärten Realismus des Films noch in die letzte Ecke der tristen Altersresidenz strahlen lässt.

Dort, wo sich der Film verdichten muss, wird die warme Aura jedoch zum Problem: Konflikte, egal ob gesundheitlicher oder familiärer Natur, werden so schnell überwunden, dass die Welt, die der Film entwirft, sich mit ihnen aufzulösen scheint. Dabei ist „Astronaut“ kein Märchen, das sich auf Spielberg’sche Weise seine Realität entwirft, sondern will sich als Entwurf einer modernen Lebenswelt verstanden wissen. Alltags-, Wirtschafts- und Kommunikationsstrukturen werden als treibende Kräfte etabliert, denen Angus, mit all seiner Güte und Großherzigkeit, letztlich machtlos gegenübersteht.

Die „Astronaut“-Welt ist von ihren eigenen Regeln befreit

Das Fundament, das „Astronaut“ baut, widerspricht damit grundsätzlich dem Gestus seines Protagonisten. Entsprechend werden die Konfliktfelder der modernen oder gar zukünftigen Welt, welche der Film imaginiert, an entscheidenden Stellen völlig außer Kraft gesetzt. In YouTube-Kommentaren wird etwa kein Hass verbreitet, sondern Seneca zitiert. Der Security-Beauftragte macht nicht seinen Job, sondern lässt sich von Familiengeschichten und Titanic-Analogien einlullen. Und der Ventura-Chef ist kein rücksichtsloser Geschäftsmann mit kosmischen Ambitionen, sondern ein bodenständiger und philanthroper Milliardär.

Die Herzlichkeit des Films entfaltet sich gerade dort, wo sie vollkommen von der Gegenwart abgeschirmt ist, in der sie eigentlich stattfinden sollte. Die Welt, die Shelagh McLeod präsentiert, ist von ihren eigenen Regeln entbunden. Sie wird von nichts gehalten und gerade deswegen nie schwerelos.

Astronaut Kanada 2019, Regie: Shelagh McLeod, Darsteller: Richard Dreyfuss, Krista Bridges, Lyriq Bent, Colm Feore, u.A. 97 Min. Farbe, FSK: 6