BerlinDer Eichelhäher ist ein wählerischer Vogel, was seine Nahrung angeht, zugleich legt er Wert auf Vielfalt. Er frisst keineswegs nur die namengebenden Eicheln, die er in der Saison tatsächlich in großer Zahl mit seinem starken Schnabel aufhebelt, schält und verdrückt, in den meisten Fällen aber erst einmal vergräbt. So viele von ihnen vergräbt, dass er größtenteils vergisst, wo – wiewohl er als klug gilt (oder verschlagen, unten mehr dazu). Auf diese Weise bringt der Vogel den Baumsamen in die zuvor aufgelockerte Erde ein, wie es ein Gärtner nicht besser könnte, und verschafft der Eichel so die besten Bedingungen für die Keimung.

Diese Zusammenarbeit ist wieder mal ein Beispiel für Phänomene, die man geneigt ist, einem Gott zuzuschreiben, nach dessen Bild wir in unserer Fehlbarkeit geschaffen sind: Wie erfindungsreich die Evolution operiert, wo es gilt, Irrtümer zu vertuschen und Unzulänglichkeiten auszugleichen! Wer weiß, ob es ohne diesen bei der Aussaat behilflichen Vogel Eichen überhaupt gäbe oder ob die Wildschweine alles wegfressen würden. Wäre es nicht einfacher gewesen, dem Eichelsamen eine Substanz beizumengen, die Wildschweinen nicht schmeckt? Aber was sollen Wildschweine dann fressen?

Das Geflecht der tieferen Zusammenhänge in Flora und Fauna ist rätselhaft und unüberschaubar. Es steht uns nicht zu, über offenkundige Sinnlosigkeiten der Natur zu spotten oder ihre Grausamkeit zu verurteilen. Das hieße, aus unzureichendem und noch dazu moralisch verbrämtem menschlichem Ermessen auf die Natur zu blicken, die von uns gar nicht geliebt werden will.

Das gilt auch für den Eichelhäher, dem unsere Empfindungen ihm gegenüber egal sind – da kann er sich noch so hübsch befiedern: brauner Rücken, heller Bürzel, dunkler Schwanz, schwarze Bartzeichnung, dazu die blau-schwarz gebänderten Außenfahnen an den Hand- und Armdecken. Ein ganzer Tuschkasten fliegt da durch den Wald und zieht, falls wir ihn dennoch übersehen, unsere Aufmerksamkeit mit seinem gerätschten Krakeel auf sich.

In der warmen Jahreshälfte zieht der Vogel tierische Nahrung vor. Sie darf stachelig, aber nicht zu haarig oder klebrig sein. Gegebenenfalls kostet er mit seiner Zunge. Amphibien weist er wegen irgendwelcher Sekrete meist zurück. Nicht aber kleine Ratten, Jungkaninchen oder Singvogelnestlinge. Und jetzt kommt es wieder, das besagte Geflecht der Natur, das individuelle Schicksalsschläge und Katastrophen unberücksichtigt lässt.

Während der Häher der Eiche bei der Vermehrung hilft, dezimiert er den Nachwuchs von anderen Vögeln, indem er ihre Küken frisst. Damit ist er nicht allein, und der Verlust von Gelegen und Nestlingen gehört zum Alltag in der Vogelwelt, die sich gleichwohl nicht damit abfinden will. Ornithologen sprechen von hassen, auf Englisch von Mobbing. Wenn sich ein Räuber nähert, reagieren Vogeleltern aggressiv: Sie fliegen Scheinangriffe, stoßen schrille Warnrufe aus, schließen sich mit Artgenossen zusammen und schlagen den Räuber oft in die Flucht. Wie tief der Hass sitzt, zeigt sich bei manchen Möwen, die den Angreifer bei ihren Attacken mit Erbrochenem bespucken. Die hassende Wacholderdrossel spritzt gezielt mit Kot.

Einige Eichelhäher haben sich darauf spezialisiert, sich dieses auffällige Gebaren zunutze zu machen. Sie imitieren den Ruf des Mäusebussards, beobachten das Verhalten der in Hassreaktionen ausbrechenden Eltern kühl und lassen sich so zu den mit Eiern oder Kleinvögeln gefüllten Nestern führen.