Das Blaufußtölpelweibchen (links) checkt den potenziellen Partner. 
Foto: imago images/imagebroker

BerlinBlaufußtölpel sind Augentiere. Die Vögel richten ihr Verhalten und ihre Liebe zum Paarungsgefährten, ja sogar zum Nachwuchs dezidiert und erbarmungslos nach optischen Eindrücken aus. Neben der sehenswerten dynamischen Eleganz ihrer Bewegungen zu Luft und zu Wasser (schweigen wir vom Land), spielt hierbei auch die titelgebende Farbe eine Rolle. Aber dazu später.

Dass die bis zu 80 Zentimeter langen und 1,5 Kilogramm schweren, also ungefähr gänsegroßen Wasservögel Ästheten sind, zeigt sich schon an ihrem Jagd- und Speiseverhalten. Sie fliegen über den pazifischen Wassern vor den Westküsten Süd- und Mittelamerikas, die Blicke und die starken, kochmesserlangen und -scharfen Schnäbel stets nach unten gerichtet. Wenn sie eines geeigneten – hübschen – Beutetieres gewahr werden, legen sie die Flügel an, verwandeln sich in aerodynamische Projektile, schießen abwärts, durchstoßen die Wasseroberfläche und stürzen am angesteuerten Fisch vorbei und weiter bis in eine Tauchtiefe von 25 Metern. Dann wenden sie und nehmen besagte Kulinarie von unten ins Visier. Beim Auftauchen dann schlagen sie ihre Schnäbel in die hellen zarteren Bauchseiten der Fische, das Auge isst schließlich mit.

Aber nun zu den blauen Füßen der Tölpel (wir verlieren hier kein Wort zu der herabwürdigenden Gattungsbezeichnung). Neben den Weiß- und Brauntönen des Gefieders, die sich in der Farbgebung der Seegegenden wiederfinden, erinnern die quietsch-azurnen Latschen an Gummistiefel aus dem Discounter. Kein Wunder, dass diese Füße der ganze Stolz dieser Art sind und entsprechend in Szene gesetzt werden. Und welche Gelegenheit wäre würdiger als die Anbahnung einer Paarung, also die Balz.

Mit ritueller Bedachtsamkeit begibt sich das Männchen in Position vor dem Desinteresse heuchelnden Weibchen und präsentiert schreitend die krempeligen Schwimmhautfüße, tritt von dem einen auf den anderen, hält ihn jeweils ins Licht, staunt selbst über die Pracht des Blaus und umso weniger über den nun nicht mehr zu überspielenden sexuellen Appetit, den es bei der Tölpelin damit entfacht. Ein Konkurrent kann noch so hübsch gebaut sein, über ein noch so fein gezeichnetes Gefieder oder einen Excalibur-Schnabel verfügen – wenn die Füße blass sind, kann er einpacken. Dann wird es nichts mit der Paarung.

Fütterungsexperimente eines spanisch-mexikanischen Biologenteams haben 2006 ergeben, dass die Fußfarbe schon nach zwei Tagen Mangelernährung an Sättigung verliert. Die Weibchen nehmen das sofort wahr und ziehen ihre traditionellen vogelartübergreifenden Schlüsse daraus: Einen Hungerhahn lass ich nicht ran.

Tragisch genug für den Unglücksvogel. Richtig brutal wird der innerfamiliäre Verteilungskampf aber, wenn das Männchen noch nach der Befruchtung zum Beispiel aus Jagdpech- oder Krankheitsgründen an Fußfarbkraft einbüßt. Sobald das Weibchen dies registriert, fasst es seinen Entschluss und handelt: Sich schon halb als Alleinerziehende wähnend, stellt es jede weitere Aufwendung für das aktuelle Ei ein, legt es vorzeitig und widmet seine ganze Aufmerksamkeit dem Zuvorgeborenen, um dessen Überlebenschance in Zeiten des durch den Ernährerausfall verursachten Futtermangels zu erhöhen. Wenn das Küken es noch schaffen sollte, aus dem beiseitegelegten Ei zu schlüpfen, schleicht es, kaum zur Welt gekommen, schon wieder dahin. Auf blassen Sohlen.