BerlinDer Kormoran wartet mit einem gewissen Eigensinn auf, was den evolutionären Konsens der Vogelwelt angeht. Dort ging der Trend zu immer leichteren Physiologien. So verfügen die meisten flugfähigen Wesen über ein Leichtbauskelett, gebildet aus hohlen Knochen, die schon mancher Katze zum Verhängnis wurden, wenn sich so eine geknackte Röhre über den Reißzahn schob und dort festklemmte. Laut maunzend und knietschend und offenstehenden Maules wendet sich ein solcherart beeinträchtigtes Tier an Herrchen oder Frauchen. Aber wir wollen nicht im Unterressort Katzenleben der Kollegin Petra Kohse wildern.

Das Kormoranskelett jedenfalls ist nur wenig pneumatisiert und relativ dicht, was zur Erhöhung des Gesamtgewichts führt. Die Vögel der Kormoranfamilie bringen 600 bis 2800 Gramm auf die Waage, die größte Art – die Galapagosscharbe – kommt sogar auf vier Kilogramm. Diese nur auf den namengebenden Inseln beheimatete Spezies bewahrt nicht nur mit dem erklecklichen Gewicht Bodenhaftung, sondern auch durch die rückgebildeten Flügel, wegen der die Galapagosscharbe auch Stummelkormoran heißt.

Apropos Stummel. Eine andere Innovation, die sich besonders Wasservögel kaum mehr wegdenken können, ist die Bürzeldrüse, mit deren Sekret sie das Gefieder fettig halten. Auch das macht der Kormoran nicht mit, er nimmt in Kauf, dass ihm das Wasser zwischen den Federstrahlen hindurch tief hinein in die Daunen dringt. All diese gewichtserhöhenden Maßnahmen mögen beim Fliegen nicht besonders dienlich sein – auch die flugfähigen Kormorane müssen viel Anlauf nehmen, um abzuheben. Allerdings unterstützen sie die Tiere bei der Unterwasserjagd, für die sie berühmt und berüchtigt sind. Das geht so weit, dass unabhängig voneinander in China und Mazedonien vor vielen Jahrhunderten die Kormoranfischerei erfunden wurde, bei der den Vögeln die Hälse abgebunden werden, auf dass die Beute nicht in den Magen abgeschluckt werden kann, sondern im pelikanesken Kehlsack verbleibt. Der Vogel taucht wieder auf mit einem aus dem Schnabel ragenden Fischschwanz und muss sich seine Beute vom Fischer entreißen lassen.

Zu schlechter Laune, die man auf viele Hundert Meter Entfernung zu erkennen glaubt, scheint der Kormoran aber auch ohne diese Strapazen zu tendieren. Wer mag es schon, wenn einem nach dem Jagen die nassen Federn an der Gänsehaut kleben? Auch dafür hat die Evolution eine Lösung parat, indem sie die Flügel der Kormorane so designt hat, dass sie sich nicht nur hinreichend zum Fliegen eignen, sondern auch als Wäscheständer aufspannen lassen. So sieht man sie auch am Spreeufer in Berlin auf den Lampen- und Elektromasten am Rummelsburger Hafen hocken und vor sich hinnörgeln. Das Motiv der gespreizten Schwingen – nicht zuletzt beim Reichsadler – soll ja irgendwie für Macht, Angriffslust und Erhabenheit stehen. Wenn man nur einmal die klapperige Silhouette eines Kormorans sieht, der da geduldig auf seine Trocknung wartet, verfliegt solches hohle Pathos für immer.