Ein Ringeltaubenpaar im Alltag des Ehelebens.
Foto: blickwinkel/AGAMI/W.Soestbergen

BerlinRingeltauben leben zumeist in monogamer Saisonehe. Als Zugvögel überwintern sie in milderen Gefilden und gehen einander wohl auf Reisen verloren. Wem würde da nicht das Herz brechen. Andererseits werden in jedem Frühling die Karten neu gemischt. Viele, besonders in den wärmeren Städten wohnende Individuen ziehen im Winter nicht mehr in den Süden. Solche Paare bleiben dann wohl aus praktischen Erwägungen gleich für immer zusammen. Und Tauben können weit über zehn Jahre alt werden. Sie beginnen früh im Jahr mit dem ganzen Programm: Balz, Nestbau, Eiablage, Brüten, Aufzucht, Flugschule, Nachwuchsabschied. So schaffen sie das Ganze zweimal pro anno.

Aber irgendwie verliert das Eheleben auf diese Weise an Thrill und Glamour – zumindest bei den mir bekannten beiden Vögeln, ich nenne sie mal Herbert und Rita. Ich habe den Verdacht, dass Herbert seine Balzflüge mechanisch ableistet. Ist ja auch anstrengend: immer wieder flügelklatschend in die Senkrechte. Und so richtiges Interesse zeigt Rita auch nicht. Sie wissen auch ohne Getue, was sie aneinander haben.

Eigentlich kümmern sich beide Vögel um den Nachwuchs. Der Tauber empfiehlt der Täuberin ein paar Nistplätze, diese wählt aus und baut dann selbst das Nest, wobei der Tauber Ästchen und Zweige anreicht. Die Geduldsprobe des Brütens wird gemeinsam bestanden, und beide bilden die sogenannte Kropfmilch, mit der das Junge in den ersten Tagen genährt wird. Wenn die erste Runde im Jahr absolviert, und der Nachwuchs flügge geworden ist, gibt der Tauber gern noch einmal seinen Samen, aber dann lässt er die Täuberin so ziemlich allein mit dem zweiten Gelege.

Jetzt, so kurz vor dem Herbst wäre noch einmal Gelegenheit. Und vor meinen Augen spielen sich die deutlich ausgehöhlten Rituale ab. Herbert will noch mal. Rita hat den Schnabel voll. Es ist ein Trauerspiel, zumal Tauben, so schnittig sie sich durch die Lüfte bewegen, zu Boden etwas Tölpelhaftes anhaftet: der kleine Kopf, der voluminöse Leib, dieses übervorsichtig ungeschickt Latschende, das Dauerbeleidigte im Blick.

Nach einem eleganten Schwung durch die Lüfte kommt Rita zielgenau auf einem Ast zur Landung. Nicht bedacht hat sie, dass der dünne Ast ihr Gewicht – fast ein halbes Kilo – kaum tragen kann. Aber es geht. Sie korrigiert angesäuert und unelegant die Gewichtsverhältnisse und gleicht den nun stark geneigten Zweig durch die Schiefstellung ihrer Sitzfüße aus. Hat sie sich eben noch geärgert über die Wahl des Landeplatzes, scheint er ihr nun zu genügen. Sie schließt die Augen und lässt sich leicht schaukeln.

Aber dann hört sie es flattern, reißt die Augen auf, und das Befürchtete tritt ein: Herbert. Bemüht sich halbherzig, aber doch störend genug um Aufmerksamkeit, und nähert sich seiner Gattin. Die trappelt noch auf dem Zweig und will ihm was Warnendes zugurren, der aber hält das für Geziere, pocht auf sein eheliches Recht, zumindest doch wohl sitzen zu dürfen neben seiner Gattin, und lässt sich neben ihr nieder. Der Zweig neigt sich unter dem sich nun auf ein knappes Kilogramm summierenden Gewicht, knickt ab, die Vögel flattern auf und davon. Wir hoffen auf einen grimmigen Winter, der sie in den Süden und vielleicht in ein neues Glück jagt.