Eine Nebelkrähe (Corvus corone) am Abend auf dem Geländer an der Spree am Berliner Dom im Stadtbezirk Mitte.
Foto: Volker Hohlfeld

BerlinIch mag Nebelkrähen nicht besonders, beobachte sie aber gern. Und stets habe ich das Gefühl, diese Mitbewohner Berlins gleich zu durchschauen. Noch deutlicher aber ist das Gefühl, längst von ihnen durchschaut worden zu sein. Wenn sie ihren Blick abwenden, schwingt in dieser Geste unverhohlene Verächtlichkeit mit.

Einst arbeitete ich in einem Büro im 12. Stock und sah sie im Winter hinter dem Fenster, wie sie in einem locker gefügten, aber doch irgendwie sortierten Schwarm mit Genuss und Routine in den städtischen Abwinden ihre Runden drehen. Durch das Glas hörte ich das eine oder andere gedämpfte Krah, die Flügel aber schlugen geräuschlos, ebenso geräuschlos ließen die abgebrühtesten Macker unter diesen Vögeln Kotklekse fallen.

Auch auf dem Boden strahlen sie einschüchternde Sicherheit aus. Sie bewegen sich, als wären sie mit amtlichen Befugnissen ausgestattet, zwischen Straßenbahngleisen und im Stau stehenden Autos. Mit proletarischer Gelassenheit ignorieren sie ihre nassen Füße, wenn sie in einer Pfütze zu stehen kommen, um vielleicht ein eingeweichtes Stück Aas zu inspizieren. Die Nummer mit den Walnüssen, die sie vor fahrenden Autos fallen lassen, damit diese im Drüberfahren die Schalen knacken, ist bekannt. Auch das missmutige Gesicht, wenn es wieder nicht geklappt hat: „Zu blöd, um über eine Nuss zu fahren.“

Die Selbstsicherheit und Unangreifbarkeit dieser gefiederten Brüder kann einem auf den Geist gehen. Sie nehmen einen nur als geistig unterlegenen Feind oder, wenn man vielleicht eine Brötchentüte mit sich führt, als geistig unterlegene Futterquelle wahr. Das Mensch-Krähe-Verhältnis beruht vonseiten der Vögel allein auf Bedrohung und Ausbeutung, auf Argwohn und Verachtung. Dass diese Vögel ihre Militanz nicht einsetzen, liegt nur daran, dass sie schlau genug sind. Sie wissen, dass sie allein gewichtsklassetechnisch im Falle eines Angriffs die Kürzeren ziehen würden.

Nun aber dieser Vogel. Er schwang sich mit griesgrämiger Eleganz durch die nasse graue Stadtluft. Und dieser Schwung strahlte immerhin eine gewisse Zufriedenheit aus, die mit einem im Menschengewirr glücklich ergatterten und abgeschluckten Happen zu tun hat. Ein Happen, der dem Vogel die Gelegenheit für ein kurzes Päuschen in sicherer Position gönnt.

Er steuert eine Laterne an, will lässig auf der Querstange landen. Die Stange ist nass, der Vogel, der sich schon auf sicheren Füßen wähnt, rutscht aus. Man muss das in Zeitlupe schildern: Der erste Krähenfuß setzt auf, finden keinen Grip, gleitet die Stange entlang. Im noch immer ziemlich lässigen Versuch, mit dem zweiten Fuß das Gleichgewicht wiederzuerlangen, verfehlen die Krallen die Stange ganz und rudernd im Leeren, während die Gleitfahrt fortgesetzt wird.

Im Gesicht des Vogels weicht die Zufriedenheit nun einer Panik. Die längst cool eingefalteten Schwingen, müssen für die Balance in den Dienst genommen werden, das ist absolutes Anfängergebaren. Und noch während die Krähe, mit Grund, fürchtet abzustürzen, blickt sie, offenbar nach Zeugen ihres Missgeschicks Ausschau haltend, hektisch um sich. Einer der Blicke traf meinen. In diesem Moment schien der Bilderstrom kurz zu stoppen, damit ausreichend Zeit war die Verbindung aufzunehmen und nonverbal einen lange gehegten und stetig mit Kleinigkeiten aufgeladenen Konflikt auszuagieren.