Köpp und Koeppen sind in Pommern verbreitete Namen. Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen kam aus Greifswald, der Maler Volker Köpp lebt in Ahlbeck auf Usedom, und auch der Filmemacher Volker Koepp kommt von dort: In Stettin, der alten Hauptstadt Pommerns, heute – als Szczecin – Zentrum der polnischen Woiwodschaft Westpommern, kam er am 22. Juni 1944 zur Welt. Siebzig Jahre ist das nun her.

Den Pommern sagte der Chronist Thomas Kantzow Anno 1540 nach, sie seien „ein aufrichtig, treu, verschwiegen Volk, das die Lügen und Schmeichelwort hasset“. Bei aller Vorsicht gegenüber landsmannschaftlicher Psychologie scheint doch Volker Koepp ein typischer Pommer zu sein. In seinen vielen Dokumentarfilmen hat er Verschwiegenheit und Aufrichtigkeit dadurch bewiesen, dass er nie jemanden bloßstellte oder verriet. Treu war er sowieso: Die Weberinnen aus der Textilfabrik in Wittstock besuchte er 1974 zum ersten Mal und kam zweiundzwanzig Jahre lang immer wieder zu Edith, Renate und Stupsi. Noch 2009, in seinem autobiografischen Film „Berlin – Stettin“ treffen wir diese Frauen ebenso wieder wie Karin, die Schweißerin aus Schwaan, und die Ziegelbrenner aus Zehdenick. Koepp, der ausgebildete Maschinenschlosser, hat die letzten Jahrzehnte der vordigitalen Welt festgehalten – und damit auch die Klugheit jener Menschen, die durch ihrer Hände Arbeit mit den materiellen Bedingungen ihrer Existenz verbunden waren, bevor die digitale Trennung von Hand und Wirkung uns alle manipulierbarer gemacht hat.

Volker Koepps anderes Interesse – wie das seiner Kameramänner Christian Lehmann und Thomas Plenert – galt und gilt bis heute der Landschaft. Der Landschaft als Natur, zu der Menschen eine Beziehung aufgebaut haben. Durch die Dichtung von Johannes Bobrowski wurde die Liebe zu „Sarmatien“ geweckt, jenem Land zwischen Weichsel und Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer, wo Polen, Litauer, Russen, Juden, Deutsche und weiß Gott wer zusammen lebten. Schon 1973 entstand der erste der Filme über Sarmatien, ab den 1990er-Jahren folgten dann Erkundungen in Ost- und Westpreußen, Galizien und Hinterpommern. Lauter Landschaften, deren Thematisierung in Deutschland lange unter Revanchismus-Verdacht gestanden hatte. Volker Koepp, der Arglose, unterlief diesen Argwohn schnell, indem er Einfühlungsvermögen aufbrachte, statt Besitzansprüche zu formulieren, und indem er den Preis sichtbar machte, den Menschen zahlen, die sich an diese Landschaften binden: Armut, Arbeit, Einsamkeit.

Zu dem Gras, das über die Katastrophen der Geschichte wächst, gehören auch die Menschen, die darauf bestehen, Wurzeln zu haben. Oft sind es unscheinbare Menschen, die Unscheinbares tun und so an einer langsamen Heilung arbeiten. Volker Koepp ist zu einem großen Dokumentaristen dieser wundersamen Unscheinbarkeit geworden, weil er sich ihr gewaltfrei nähert. Er lässt die Menschen erzählen und die Bilder wirken.

Und wenn er selbst in seinen Filmen etwas Historisches referiert, bleibt seine Satzmelodie zögerlich: Das angelesene Wissen wird wirkliches Wissen erst in der Begegnung. Wissen, das nicht erzwungen, sondern nur erwartet werden kann. Volker Koepp sei gewünscht, dass ihn diese Geduld des Erwartens nicht verlässt. Wir sind von so viel hysterischer Scheinbarkeit umzingelt, dass wir seine Entdeckungen heilsamer Unscheinbarkeit weiterhin brauchen.

Auf DVD: www.koepp-kollektion.de. Ab 11. Juli erhältlich „Volker Koepp – Landschaften und Porträts“ (14 Filme, 1970 – 1987; 2 DVDs). Gleichzeitig erscheint auf DVD der „Wittstock“-Zyklus (sieben Filme, 1974 – 1997).