Es ist schwer, für Volker Kühn eine passende Berufsbezeichnung zu finden. Natürlich ist er Autor und Regisseur; er kam nach ein paar Jahren in den USA über den Journalismus zu Hörfunk- und Fernseharbeiten, schrieb Hörspiele, Features, Bücher. Und Kabarett-Texte natürlich, historisch recherchierte wie frei Schnauze ausgedachte. Damit kommt man ihm schon näher. Denn das Meiste von dem, was wir heute über das Kabarett wissen, das Anfang des 20. Jahrhunderts so prächtig – satirisch aufblühte, hat er wiederentdeckt, aufbereitet, weitergegeben.

Mit Fug und Recht kann man Volker Kühn als den Doyen der zehnten Muse bezeichnen – und als die graue Eminenz des Kabaretts. Er ist ein Liebhaber der geschliffenen Pointe, der geistreichen Caprice, des intelligenten Witzes, und er beherrscht all das auch, wie er als Gaglieferant für Programme des von Volker Ludwig gegründeten Reichskabaretts, für die Wühlmäuse, für Lore Lorentz, Wolfgang Neuss, Hanns Dieter Hüsch und Jürgen von Manger bewies. Zu Zeiten, als das Fernsehen noch Kritisches ausstrahlte, entwickelte er mit Dieter Hildebrandt für das ZDF die erste regelmäßige Satiresendung „Notizen aus der Provinz“.

Wegwerf-Lyrik aus dem Bundestag

Dort kannte er sich aus, wurde er doch 1933 in Osnabrück geboren und kam über Umwege nach Berlin, wo er seit mehr als zwanzig Jahren lebt. Er beschäftigte sich mit den Unterhaltungsformaten, die von den Nazis zerstört wurden, und mit den Künstlern, die sie vertrieben, mundtot gemacht, ermordet hatten.

Volker Kühn widmete sich Max Reinhardts kabarettistischem Theater („Der Name war Schall und Rauch“, 1984), dem Kabarett im KZ („Totentanz, ARD 1991), mit „Bombenstimmung“ der „Unterhaltung unterm Hakenkreuz“ (ARD 1987). Oder er schrieb mit „Gedicht aus Bonn“ seine „Wegwerf-Lyrik aus dem Bundestag“ (1985).

Charmant, fragil und hellwach

Ein besonders enges Verhältnis verband Volker Kühn mit dem legendären Politkabarettisten Wolfgang Neuss, der sich ihm einst mit den Worten vorstellte: „Ich bin der, vor dem meine Eltern mich immer gewarnt haben!“ Gemeinsam entstanden ab 1963 mehr als hundert Hörfunksendungen, LP- und CD-Aufnahmen, Bücher wie „Tunix ist besser als arbeitslos“.

Kühn, der zehn Jahre jüngere Geistesverwandte, ist Neuss’ Nachlassverwalter. Er schrieb Stücke über Johnny Cash und Gunter Gabriel (uraufgeführt im August im Theater am Kurfürstendamm), aber den wohl größten Coup landete er mit seiner Bühnenfassung von Pam Gems’ „Marlene“ im Renaissance-Theater, die es seit 1998 auf knapp 600 Aufführungen brachte.

Den witzig-weisen, gütig-gut gelaunten Volker Kühn, den man, charmant, fragil und hellwach, oft im Publikum in einem Berliner Theater treffen kann, und der ebenso selbstverständlich wie inspiriert nie aufgehört hat, gegen den kulturellen Kahlschlag der Nazi-Zeit anzukämpfen, wird heute 80 Jahre alt.