Berlin - Einen ihrer heikleren Brüche erlebte die Berliner Zeitung nach dem Mauerfall. Die Welt war über Nacht eine andere geworden, aber die Redakteure waren geblieben und mussten ihren Beruf ziemlich neu lernen. Da gehörte die gleichzeitige Umstellung auf ein erstes Computersystem zu den kleineren Problemen. In der Kulturabteilung war die Chefin, Ehefrau eines Politbüromitglieds, eines Tages nicht mehr zur Arbeit gekommen. Ihr Nachfolger wurde 1990 Volker Müller. Er hatte Journalistik und Soziologie studiert, über die „Grenzen des Wachstums“ promoviert und war Kulturchef der Erfurter Tageszeitung Das Volk. Zuletzt hatte er beim SED-Zentralorgan Neues Deutschland gearbeitet, weshalb ihn das hochmütige Kulturressort der Berliner Zeitung eher skeptisch empfing.

Doch Volker Müller war ein Bildungsbürger alter Schule mit großer Liebe zu den Künsten und einer soliden Kenntnis ihrer Geschichte. Er nutzte die erste Möglichkeit, dem ungeliebten ND den Rücken zu kehren. Zur Berliner Zeitung, bei der er 13 Jahre bleiben sollte, kam er mit hohen Erwartungen und offenen Armen: Gemeinsam, kollegial, freundschaftlich – so wollte er mit seinen neuen Kollegen zusammenarbeiten und die Herausforderungen annehmen.

Was er vorfand, war eine Literaturredakteurin, die keine Bücher rezensierte, eine Kunstredakteurin, die nicht über Ausstellungen schrieb, einen Filmredakteur, der den „Ami-Scheiß“ ablehnte und eine Unterhaltungsredakteurin, die dem neuen Popmarkt von Sachkenntnis ungetrübt gegenüberstand. Die meisten Kollegen hatten es nicht eilig, ihrem gediegenen wie langweiligen Feuilleton seinen Wiedererkennungswert zu nehmen. Den Satz, den Volker Müller damals am häufigsten hörte, war: Das ist Chefsache, und dann wurde die Arbeit dem gutwilligen Leiter überlassen. Zugleich verschaffte er sich Respekt in der neuen Kulturwelt, erwarb sich den Überblick über Themen der Zeit in der plötzlich riesigen Stadt, wurde geschätzt von Akteuren wie dem Akademie-Präsidenten Walter Jens, war befreundet mit dessen Nachfolger György Konrád.

Doch schon bald kam eine neue Chefin, und Müller musste das Kulturressort erteidigen gegen die Zumutungen des Boulevards, die 1993 in der Berliner Zeitung Einzug hielten. Das Wort „Kultur“ wurde aus der Kustode verbannt, die Kulturseiten hießen jetzt „Berlin, Berlin“, machten neben Theater- und Kinokritiken Platz für Promi-Partygänger, Öko-Bordellbesitzer und Nacktputzer. Müllers Bart ergraute, er dachte an Vorruhestand. Aber drei Jahre später gab es einen anderen Aufbruch in der Berliner Zeitung. Eine Riege von Feuilletonisten, vormals an der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, etablierte nun ein Hochfeuilleton. Nicht nur Müller blühte auf. Der Abschied in die Rente 2003 fiel ihm schwer. Er schrieb noch längere Zeit Texte für die Zeitung.

Letzte Woche musste sich Volker Müller einer Operation unterziehen. Kurz nachdem ihn der Krankenwagen am Montag zu Hause abgesetzt hatte, starb er in seinem Haus im Brandenburgischen Felsenhagen. Er wurde 83 Jahre alt.