Silberhäutige Nacktwesen spielen im Mondlicht Oscar Wildes „Salome“ nach.
Foto: Katrin Ribbe

Berlin„Jeder will ein Alien sein“, schreibt die Dramaturgin Hannah Schünemann kühn auf die erste Seite des kleinen Programmheftes zu „Final Fantasy“. Dass sie mit dieser Einschätzung vielleicht doch nicht ganz ins Schwarze trifft, möchte man ihr und dem agilen Volksbühnenteam um die Regisseurin Lucia Bihler aber von Herzen wünschen. 

Denn was würde aus all dem präzise ausgetüftelten Schauerambiente dieses doch sehr besonderen Alien-Abends werden? Aus all den gezielt ekeligen Videoeinspielern und der verkleidungstechnischen Sorgfalt, mit der hier fünf perfekt schaumstoffdeformierte Alien-Darsteller als silberhäutige Nacktwesen mit übergroßen Totenköpfen im Mondlicht Oscar Wildes „Salome“ nachspielen und die biblische Macht-Lust-Tragödie so aus ihrer kulturhistorischen Verankerung heben?

Das Bekannte aus fremdem Blick

Würde aus dem erotisch-mörderischen Verlangen der liebeshungrigen Königstochter nach dem asketischen Gottesmann Jochanaan nicht nur eine auskonsumierte Klischee-Story? Zumindest wäre es nicht das, was Lucia Bihler, die seit Saisonbeginn zum Leitungsteam der Interims-Volksbühne gehört, sich mit diesem alienesken Regiedebüt am Rosa-Luxemburg-Platz vorgenommen hat.

Ganz falsch aber ist das Spiel mit vorgeblichen Jedermannswünschen auch nicht. Denn der Alien-Blick, in den Bihler uns hier zwingt, ist schillernd und ganz anders: Er bleibt nicht in der bloß distanzierten Checkerpose stecken, die etwas als fremd erkennt und gleich souverän von sich schiebt. Bihler dreht den Spieß um, schiebt alles Bekannte in Distanz und sucht sich selbst im Unbekannten.

Jochanaan am Hundehalsband

Auch Oskar Wilde lässt seine überhitzte Hass-Lust-Gesellschaft am Hof des Königs Herodes schon damit kämpfen: jeder fürchtet dort den Blick des anderen. Die grotesk geschlechtslosen, unerotischen Homunculi-Figuren vor antiker Palastkulisse im 3. Stock der Volksbühne aber nun manövrieren uns noch einen Schritt tiefer in die Zuschauerfalle. Wir meinen zu wissen, was sie da spielen, wir kennen die Angst des lüsternen Herodes und die brodelnde Kaltblütigkeit seiner Stieftochter, die den Kopf des Propheten fordert.

Und doch spielen die fünf spacig-embryonalen Totenmasken all diese kulturüberladenen Bilder von Macht und Begehren und männerfressender Femme fatale eben nicht mehr. Sie demonstrieren die Muster nur noch als montrös-komische Schautafelbilder schulpsychologischer Archetypen, verharren in gedehnten SM-Posen und denken während dieses freundlich empathischen Harrens unverkennbar auch schon an andere Formen der Lust. Wo sind sie, gibt es sie? Vorerst nicht. Und doch schimmert allein schon durch diese bizarren Körper alles anders: Erst führt eine kleine dicke Salome Jochanaan am Hundehalsband herein, wenig später hält der hoch aufragende Prophet die kleine Dicke am Boden. Überhaupt schimmert ebenso viel Vegard Vinge'scher Witz durch die Gestalten wie die posthumane Kunstwelt einer Susanne Kennedy. Den eigenen Weg in ihre andere Zukunft werden sie schon noch finden.

Final Fantasy, wieder am 15., 27., 28., 29.12., in der Volksbühne (3. Stock), Karten unter  Tel.: 24065777 oder volksbuehne.berlin