Berlin - Hier ein kleiner Gruß an Rüdiger Schaper, den Kollegen Konkurrenten von einer ebenfalls in Berlin erscheinenden Tageszeitung namens Tagesspiegel. Er hat zwar nichts Neues über den Verbleib oder Nicht-Verbleib von Bert Neumanns Räuberrad-Skulptur vor der Volksbühne herausgekriegt, aber es ist doch begrüßenswert, dass er in Bezug auf die Frank-Castorf-Volksbühne auf einmal den Denkmalschützer in sich entdeckt. Das Rad solle bleiben, fordert er, der Steuerzahler habe dafür gelöhnt. Wenn es nur ums Geld ginge, könnte man stattdessen auch eine Werbetafel installieren − und die Einnahmen an die Berliner auszahlen.

Widerspruchsgeist

Aber gern nehmen auch wir die Gelegenheit wahr, dieses großartige Symbol, das den selbstbewusst renitenten Widerspruchsgeist dieser Truppe auf den Punkt bringt, hier einmal mehr abzubilden. Es wäre natürlich schade, wenn das Ding, das dort angewachsen zu sein scheint und aus dem Kontext heraus seine Bestimmung gefunden hat, auf einmal verschwinden würde. Nach nur 25 Jahren. Aber dies war doch genau das Argument, und zwar das einzige Argument derer, die den belgischen Theatermann Chris Dercon so unkritisch willkommen heißen: Es solle endlich mal was anderes her.

Als Bernd Wilms, besser gesagt, sein Chefdramaturg und Interimsintendant Oliver Reese 2009 die Leitung des Deutschen Theaters abgab, hat sich keiner dagegen verwahrt, dass der protzige Faust-Ständer weichen musste; dieser auf schwere Eisenträger geschweißte blauweiße Neon-Schriftzug „Verweile doch...“ lud geradezu zum Denkmalsturm ein. Sich einfach so hinzupflanzen und ungegründet herumzudominieren, da reagiert der Berliner empfindlich. Also Pustekuchen mit „Verweile doch...“. Heute ist der DT-Vorplatz mit Bänken und Blumen versehen von gastlich-netter Ulrich-Khuon-Atmosphäre geprägt.

Das Rad aber, so sehr es den Eindruck erweckt, auf dem Sprung zu sein − für ein Denkmal eine geradezu meisterliche Selbstreflexion −, es ist hier nun verwurzelt. Neumann, der im Sommer 2015 starb und leider nichts mehr zu dem Ganzen sagen kann, hat es für Castorfs 1991er „Räuber“-Inszenierung erfunden und aus dem Augenblick heraus den Grundton für eine Ära angeschlagen. Die wird nun sinnloserweise künstlich abgebrochen.

Winke-winke-Denkmal

Angemessen wäre es, für diese kulturpolitische Meisterleistung eine Statue des inzwischen abgewählten Kurzzeitkulturstaatssekretärs, der Castorfs Vertrag nicht verlängert hat, aufzustellen: Am besten in einer solarbetriebenen Winke-Winke-Version.

Ist es nicht verständlich, dass die verjagte Truppe ihr Zeichen mitnehmen möchte, wenn sie am 31. Juli ihre Höhle besenrein übergeben muss? Wer hätte das Recht, ihr das zu verwehren? Soll das Ding doch selbst entscheiden: Es hat ein Rad, es hat Beine, und es hat Wurzeln.