Die Tänzer im toleranten Freizeitlook.
Foto: Jubal Battisti

BerlinStellen Sie sich vor, Sie finden einen alten Lieblingssong im CD-Regal. Sie legen ihn auf – doch etwas stimmt nicht. Die Atmosphäre von damals will sich nicht so richtig einstellen. Ein solches Gefühl der Unstimmigkeit kam auch am Mittwochabend an der Volksbühne auf. Dort zeigte der israelisch-französische Choreograf Emanuel Gat eine Neuauflage seines Stücks „Sunny“, erarbeitet für und mit dem Staatsballett Berlin.

Sechs Demi-Solisten und Solistinnen, eine Solistin und ein Tänzer des Corps de Ballett – also in der Hauptsache die Mittelschicht in der Balletthierarchie – traten hier zu Anfang quasi volksnah als Gruppe auf. Während das Mini-Ensemble knapp bekleidet seine durchtrainierten und makellosen Körper zeigte, kam Paul Vickers zunächst nicht erkennbar in einem üppigen Kostüm auf die Bühne. Erst wie ein Nachtfalter, dann wie der Elefantengott Ganesha anmutend, vollzog er in Stille und Kabuki-Manier einen Verwandlungsakt. Dass er dabei dem jungen Vladimir Malakhov ähnelte, dürfte kein Zufall gewesen sein.

„Sunny“: Alles andere als sonnig

Als sonnig entpuppte sich die erste Hälfte von „Sunny“ dann aber nicht. Mit dumpfen Orgeltönen drang der gleichnamige Soul-Welthit Bobby Hebbs von 1966 in einem Remix durch den Elektromusik-Star und Ex-Gat-Tänzer Awir Leon nur vom Tonträger an die Ohren des Publikums. Die erotischen Mann-zu-Frau-Posen der Tänzer und Tänzerinnen, die der nun um viele Schichten Stoff Befreite dann anzuleiten schien, blieb dabei seltsam distanziert. Ist der klassische Tanz nicht in der Lage, wahre Gefühle auszudrücken? Bleibt jedes Knistern, kurz vor dem Funkenschlag in der Virtuosität der Form stecken?

Bekannt ist Emanuel Gat, der zunächst Musik an der Rubin Academy of Music studierte, für seine an Schwarmverläufe erinnernden Bewegungskompositionen. Er setzt auf sich selbst steuernde Systeme, in denen es keine vorgefertigten Schritte gibt und etwas spielerisch Fließendes an die Stelle von Kontrolle und perfekter Körperbeherrschung tritt – ein ausgeglichenes Spiel von Struktur und Emotionen. So gesehen etwa in „Brilliant Corners“ – das vom Jazz-Musiker Thelonius Monk inspirierte Stück präsentierte Gat 2011 beim Tanz im August. „Sunny“ hatte seine Berlin-Premiere dort 2016.

Späte Erlösung

Etwas zu lang lässt die Befreiung aus den allzu starren Konventionen in „Sunny“ auf sich warten. Immer wieder arbeiten sich die Tänzer und Tänzerinnen symbolisch am Konflikt zwischen hart einstudiertem und daher gewohntem Bewegungsduktus und der Generierung einer freieren Körpersprache ab. Genauso wie an der Unnahbarkeit klassischer Perfektion: Dafür benutzt Gat die vierte Wand des Theaters wie eine dehnbare Matrix. Obwohl einzelne Mitglieder des Ensembles von der Bühnenkante aus immer wieder Gliedmaßen in den Zuschauerraum recken, dringen sie nicht zum Publikum durch. Auch das Bewegungsvokabular von Gat wird zunächst in Reih und Glied auf Zuruf durchexerziert und mehr erledigt als mit ansteckender Seelenwärme gefüllt.

Etwas zu spät, in den letzten zwanzig von insgesamt sechzig Minuten, naht die Erlösung. Nach einer Albtraum-Szene, in der Paul Vickers ähnlich wie Peer Gynt im Tollhaus von Kairo, allerlei überbordend schrill kostümierten Figuren begegnet – wie sie die Volksbühne zu Bestzeiten nicht besser hätte auffahren können – schütteln die Tänzer die Traditionen ab. Jetzt dürfen sie endlich als nahbare Individuen im toleranten Freizeitlook und auf hierarchiefreierem Terrain erscheinen.

Eine kecke Verbesserung des Originals

Auf Zuruf, aber dieses Mal in einer weniger strengen Tonart, entfaltet sich auf der Bühne mit spielerischer Gelöstheit ein polyphones Bewegungsnetz. „Are we really there“ und „Maybe we play again“ heißt es dazu im Song von Awir Leon unter Mitbeleuchtung des Publikums.

Emanuel Gat scheint die Wiederholungs-Frage in puncto Staatsballett bejahen zu wollen. Das Hindernis einer angestaubten Vergangenheit gilt es unter der neuen Berliner Ballett-Doppelspitze Johannes Öhman und Sasha Waltz zu überwinden. Auch wenn das emotionale Ansteckungspotenzial von Gats Können auch in der zweiten Version von „Sunny“ zu wenig ausgeschöpft ist, wirkt es wie eine kecke Verbesserung des Originals: Eine, die nicht nur glänzen will wie die Coverversion ihres Lieblingssongs, sondern die eine allmähliche Veränderung erlaubt.