Berlin - Und wir dachten, die Luft wäre nun mal langsam raus aus der Debatte um die Volksbühne. Fehleinschätzung. Auf einmal macht eine Nachricht aus dem Spiegel die Runde, dass der neue Intendant, der für diesen Posten durchaus umstrittene, auch in dieser Zeitung immer wieder kritisierte Museumsmann Chris Dercon, sämtliche Stellen für Regie und Dramaturgie streicht!

Grundlage für diese knackige Meldung ist ein im Detail durchaus widersprüchliches Papier, über das wir hier schon vor zwei Wochen berichtet haben, allerdings weniger zugespitzt, was zwar richtig war, aber aufmerksamkeitstechnisch weniger Funken schlägt. Hätten wir mehr Alarm schlagen müssen? Jedenfalls bekommt das Ganze jetzt noch einmal Schwung.

Wir berichteten

Hatten wir nicht alle Argumente aufgedröselt − von Seiten der neuen Leitung um Chris Dercon, aber auch ihrer Gegner, etwa der Aktivisten, die über 40.000 Unterschriften gesammelt haben für ihre Petition, mit der sie dazu aufrufen, die Zukunft der Volksbühne neu zu überdenken? Hatten wir nicht ausreichend Begriffsarbeit geleistet und die verschiedenen Interpretationen eines Ensemble- und Repertoiretheaters herausgestellt?

Wir scheuten weder die öffentliche Auseinandersetzung von Chris Dercon mit dem neuen BE-Intendanten Oliver Reese, die in der Urania ein hübsches Kontrastbild zweier grundverschiedener Theaterauffassungen abgaben, noch vor den bewundernswerten, schwer durchschaubaren demokratischen Mechanismen, mittels derer das Thema vor dem Ausschuss für Kulturelle Angelegenheiten im Berliner Abgeordnetenhaus bearbeitet wurde.

Dokument des Kahlschlags?

Hier gab es ein kleines Aufjaulen über eine Fußnote im Haushaltsplanentwurf für die Jahre 2018/19, in der die Zweckbindung der Volksbühne dokumentiert wird. Darin war zwar immer noch die Rede von „Ensemble- und Repertoiretheater“, aber nicht mehr von der Tradition Piscators und Bessons, nicht mehr von Avantgarde und sozialem Engagement, dafür fanden sich solche Festival- und Kommerz-Signalvokabeln wie „Plattform“ und „Dachmarke Volksbühne“. Wir berichteten.

Zu den Handreichungen dieses Haushaltsplanentwurfes gehört auch der Wirtschaftsplan der Volksbühne (Titel 68243; 89178). Und dazu gehört wiederum die Planstellenübersicht, die nun als Dokument des Kahlschlags in den Medien Verbreitung findet. Gut, gehen wir noch einmal im Detail darauf ein, auch wenn die allgemein maßgebliche Zahl in diesem Plan durchaus eine Aussagekraft hätte, die in jedem anderen Zusammenhang die Debatte erstickt hätte: Die Summe der Stellen lag bei Frank Castorf bei 227,5. Bei Chris Dercon sind für die Jahre 2018 und 2019 geplant: 227,5 Stellen. Plus minus null, so soll es sein.

Mehr als Umetikettierungen

Die Unterschiede liegen im Detail. So sind alle sieben Dramaturgenstellen gestrichen, ebenso 3,75 Regie-Stellen. Dafür wurde eine Programmabteilung aufgemacht, die acht Stellen umfasst. Kann man das nicht einfach als Umetikettierung durchgehen lassen? Spielplandramaturgie heißt eben von nun an Programmierung. Nein, das wäre zu harmoniebedürftig argumentiert.

Weiter: Von sechs auf 13 Stellen wurde das Künstlerische Betriebsbüro erweitert, die Pressestelle wird von vormals zwei auf nun vier Stellen ausgebaut, und die Abteilung „Vertrieb, Marketing, Sponsoring, Öffentlichkeitsarbeit“ bekommt fünf neue Leute (von 6,75 auf 11,75), die 17 Verwaltungsstellen werden um weitere 1,75 ergänzt. Neu geschaffen wurden darüber hinaus ein neuer Posten in der Technischen Direktion und in der Audio/Video-Abteilung.

15 unbesetzte Stellen

Der größte Unterschied ist beim Ensemble sichtbar: Von den im Castorf-Wirtschaftsplan aufgeführten 27 Stellen sind bei Dercon nur noch 12 erhalten. 15 Stellen fallen weg. Krass, aber nicht neu, und von Chris Dercon und seiner Programmleiterin Marietta Piekenbrock längst kommuniziert − unter dem Verwirrung stiftenden Stichwort „idealisierter Ensemble-Begriff in Castorf-Tradition“.

Es stimmt, dass Frank Castorf in den letzten Jahren nur noch elf der 27 Ensemblestellen besetzt hatte und mit den frei gewordenen Mitteln sein Ensemble durch Gäste ergänzte, die allerdings immer wieder bei Marthaler, Fritsch, Pollesch und Castorf selbst in diesem Theater auftraten − und jedem Zuschauer als Volksbühnenschauspieler galten, auch wenn sie keinen festen Vertrag hatten. Das ist das Ergebnis einer jahrelangen organischen Entwicklung. Dass nun die unbesetzten 15 Stellen einfach gestrichen werden, ist mehr als buchhalterische Hygiene.

Alles Künstler?

Dercon schreibt in einem Statement zur Spiegel-Meldung, dass die Größe des neuen künstlerischen Teams der Volksbühne „nicht wesentlich verändert wird“. Aber das Geld, das für jene 15 Ensemblestellen bereit lag, wird nun abgezogen, um Produktionsleiter, Verwalter, Öffentlichkeitsarbeiter und Drittmittelakquisiteure zu finanzieren − auch alles Künstler? Damit sind die noch bei Castorf für Gäste gebunkerten Mittel futsch.

Und was machen die Produktionsleiter eigentlich? Vermutlich werden sie mindestens zu einem Teil für die Organisation der „Kollaborationen“ zuständig sein, die Dercon anstrebt. Irgendwer muss ja auch durch die internationalen Lande streifen, Produktionen einkaufen oder Koproduktionen aushandeln.

Mutig gerechnet

Die Verantwortung für die nach wie vor skandalöse Tatsache, dass von den verbliebenen festen Ensemblestellen noch keine neu besetzt ist, schiebt Dercon dem Kultursenator zu. Der habe eine Situation geschaffen, in der sich kein Künstler binden lassen wolle. Außerdem habe Castorf, dessen letzte Spielzeit ein künstlerischer, alle Kräfte und Ressourcen ausreizender Gewaltmarsch war, die Dercon-Crew nicht ins Haus und in die Werkstätten gelassen. So seien die vielen Schließtage zu erklären und dass noch kein Repertoire entstanden sei. Waren zwei Jahre Vorbereitungszeit und über zwei Millionen Euro Vorbereitungsetat nicht genug?

Vor diesem Hintergrund ist der in dem besagten Wirtschaftsplan prophezeite Zuschauerrückgang von 167.000 auf 126.500 im Jahr 2018 noch sehr mutig gerechnet. Die Zahl der Vorstellungen sinkt demnach von 821 auf 550. Gastspiele − Castorf erreichte mit 49 (2016) und 45 (2017) jeweils ca. 20.000 Zuschauer − sind erst einmal gar nicht geplant. Dafür soll über Vermietungen wieder etwas hereinkommen. Sehr abenteuerlich, aber von heute aus gesehen nicht auszuschließen.

Aus Zahlen werden Fakten

Die Zahlen liegen auf dem Tisch, der Kultursenator kennt sie. Die Öffentlichkeit auch. Offenbar muss man aber erst auf die Fakten warten, die den Zahlen folgen. Das wäre insofern ein bisschen spät, als sich aus den Papieren auch eine Abwicklung der Volksbühne herauslesen lässt: ihre Umwidmung in ein Festspielhaus mit Produktionsapparat. Also, liebe Leser: Alarm!