Seit die Volksbühnen-Besetzer das Theater geräumt haben, könnten sie einem glatt sympathisch werden. Immer mal wieder melden sie sich, um zu bekunden, dass es sie noch gibt und dass der von ihnen als „soziale Plastik“ umetikettierte Hausfriedensbruch auch ohne Obdach weiter west. Und gute Laune haben sie auch.

Am Montag veröffentlichten sie mal wieder einen Spendenaufruf. Diesmal geht es nicht um Toilettenpapier, sondern um Eintrittsgelder. Sie würden nämlich gern eine kleine Delegation zum Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung ins Adlon-Hotel entsenden.

Zehn Leute würden reichen, ein Konferenzticket für alle drei Tage kostet allerdings 3345 Euro. Üppig. Es würden auch zehn Tagestickets à 1650 Euro für den 18. November reichen, denn an diesem Tag sitze der amtierende Volksbühnenintendant Chris Dercon auf dem Podium, beim Panel 8 zum Thema: „Anders führen − was können Manager von Führungskräften aus anderen Bereichen lernen“.

Keinen Fettnapf ausgelassen

Es sollen den Angaben nach die folgenden drei Fragen ergründet werden: „1.: Die richtige Haltung: Wie wird man ein Vorbild für sein Team? 2.: Die richtige Motivation: Wie begeistert man andere? 3.: Die richtige Kommunikation: Wie vermittelt man seine Ziele.“ Vorbild? Begeisterung? Sei’s drum.

Spätestens beim dritten Punkt müsste im Leser der Verdacht aufsteigen, dass es sich um Fake-News handelt − schließlich wurde Dercon, der seit seiner Berufung zum Castorf-Nachfolger keinen Fettnapf ausgelassen hat, ausdrücklich für seine Kommunikation immer wieder kritisiert − für die großspurigen Ankündigungen zum Beispiel: Premieren erwiesen sich als eingekaufte Gastspiele, Konzerte, Computer-Apps oder Remakes, und die mobile Tempelhofer 1000-Plätze-Theaterutopie landete als verkleidetes Leihgerüst in der Wirklichkeit.

Auch die Schuldzuweisungen gegen Kulturpolitik und Medien sowie die Begriffsaufweichungen in Bezug auf Ensemble und Repertoire kamen nicht so gut an bei denen, die wussten, dass Dercon viel Zeit und Geld für die Planung der ersten, nun sehr löchrigen Spielzeit zur Verfügung hatte.

Es ist alles echt!

Niemand würde also auf einen solchen Scherz reinfallen. Um so lustiger: Der Gipfel, die Themen und das Podium, das Dercon mit dem Kreuzfahrtkapitän Mark Behrend und dem Sportpsychologen der Fußballnationalmannschaft Hans-Dieter Hermann teilt − alles ist echt. Wirklich! Der Autor hat volles Verständnis, wenn der Leser es mit ein paar Klicks selbst nachprüfen möchte.