Jetzt fliegt der Deckel vom Kessel. Die Belegschaft der Volksbühne, namentlich 172 unterschreibende Beschäftigte, wenden sich mit einem offenen Brief  an die Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus und die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters (CDU). Unter anderen die Schauspieler Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Sophie Rois, Alexander Scheer, die Regisseure René Pollesch, Christoph Marthaler und Herbert Fritsch, aber auch die vielen weniger namhaften Mitarbeiter aus den Gewerken drücken darin in deutlichen Worten ihre Sorge aus, mit der sie dem Intendantenwechsel im kommenden Jahr entgegenblicken.

Chris Dercon soll eigentlich übernehmen

Nach der kommenden Spielzeit wird Frank Castorf, dann 66 Jahre alt, gehen, und der belgische Kurator und Museumsleiter Chris Dercon soll das Haus übernehmen. Auch wenn der Furor dieses Schreibens auf die Hoffnung schließen lässt, dass es doch noch anders kommen könnte.

Mindestens zwei Monate hat es gebrodelt. Nach einem Auftritt von Dercon und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock bei einer Vollversammlung am 28. April sehen sich die Unterschreibenden nun veranlasst klarzustellen: „Dieser Intendantenwechsel ist keine freundliche Übernahme. Er ist eine irreversible Zäsur und ein Bruch in der jüngeren Theatergeschichte, während der die Volksbühne vor der Umwidmung in ein Tanz- und Festspielhaus bewahrt werden konnte“.  Alles, was der Belegschaft nun von Dercon und Piekenbrock als Novitäten vorgesetzt werde − Tanz, Musiktheater, Medienkunst, digitale Kunst und Film − sei ohnehin Bestandteil des Spielplans. Die Verkündung, dass „das Sprechtheater nicht die dominante Säule dieses Hauses sein“ und „die Bühnensprache polyglotter werden soll“ sei so banal wie bedrohlich für „unseren potenten Schauspieltheaterbetrieb“ mit eigenen Werkstätten und über 200 Festangestellten (es haben also nicht alle unterschrieben).

Auch ein Stellenabbau wird befürchtet

Es sei zu befürchten, dass Stellen abgebaut und Gewerke abgewickelt werden. „Sind diese Möglichkeiten einmal zerstört, werden sie an diesem Ort dauerhaft verloren sein. Eine verheerende Signalwirkung für die gesamte deutsche Stadttheaterlandschaft wäre die Folge“. Und noch einmal für alle: „Dieser Wechsel steht für historische Nivellierung und Schleifung von Identität. Die künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte wird zugunsten einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern verdrängt.“

Es geht nicht um eine Verlängerung der Amtszeit Castorfs

Es geht in dem Brief also nicht um eine Verlängerung der 25-jährigen Amtszeit Castorfs, sondern um die Furcht, dass das Haus als Ensemble- und Repertoirebetrieb mit starken Gewerken und großen Freiräumen für die künstlerische Produktion vernichtet wird. Hinsichtlich dieser Sorge sollen die Abgeordneten, soll der Senat das Konzept des neuen Leitungsteams überprüfen. Es ist ein harter Brief, der keinen Hehl aus seiner Voreingenommenheit gegenüber Dercon macht, der überall sonst als erfolgreicher Kulturermöglicher gefeiert wird und ein millionenschweres Übergangsgeld zur Verfügung hat. Es ist eine Kampfansage von Machtlosen − gute alte Volksbühnentradition. Allerdings war 1992 beim letzten Intendantenwechsel, als schon einmal alles auf dem Spiel stand, das Konzept auch noch nicht fertig.