Berlin - In einem offenen Brief an Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) haben sich 25 internationale Kulturschaffende für Chris Dercon als Intendanten der Berliner Volksbühne ausgesprochen. Sie reagierten damit auf einen offenen Brief von 170 Volksbühnenmitarbeitern vom 20. Juni, in dem diese ihrer Befürchtung Ausdruck gaben, Dercon als Intendant stehe für den Ausverkauf ihrer künstlerischen Maßstäbe.

„Lächerliche Befürchtungen“

In der am Freitagabend verbreiteten Reaktion, die in englischer Sprache verfasst ist, heißt es: „Wir wollten nicht tatenlos dabei zusehen, wie sich ein Fehlurteil durchsetzt. Noch wollten wir kommentarlos die Taktik der öffentlichen Denunziation hinnehmen, wie sie Herr Dercons Gegner betreiben, um seine berufliche Glaubwürdigkeit zu beschädigen und seine persönliche Integrität anzufechten.“ Unterzeichnet haben unter anderem Okwui Enwezor, der Direktor vom Haus der Kunst in München, Hortensia Völkers, Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, der Filmemacher Alexander Kluge, die Architekten Rem Koolhaas und David Chipperfield, die Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker und der Soziologe Richard Sennett.

Den Mitarbeitern der Volksbühne werfen sie vor, es gehe ihnen weder um Arbeitsplätze noch um das Erbe der Volksbühne. Der offene Brief vom 20. Juni habe vielmehr gezeigt, dass es um „die Macht und den Missbrauch von Privilegien“ gehe, den staatlich Angestellte betrieben mit dem Ziel, die Vision eines Einzelnen zu zerstören. Die Befürchtungen der Volksbühnenmitarbeiter seien „lächerlich“ in der Sache und „höhnisch“ im Ton, es handele sich um die Vorverurteilung eines künstlerischen Programms, das es noch gar nicht gebe. Damit hätten sie „alle Maßstäbe für eine ernsthafte Debatte unterlaufen und sich dazu herabgelassen, mit Angst und Zensur gegen Ideen vorzugehen, die sie nicht unterstützen“.

„Eigennütziger Staatsstreich“

Des Weiteren ist von einem „öffentlichen Zirkus“ die Rede, der die Berufung Dercons begleite, und von einem Mangel an Anstand. Vor allem die Unfähigkeit seiner Gegner, ihm auch nur die geringste Höflichkeit zu erweisen, sei peinlich und schädlich für eine Stadt vom globalen Format Berlins: „Wenn die Stadt sich einem engstirnigen und eigennützigen Staatsstreich beugt, wird sie billigen Unterstellungen erlegen sein und dabei versagt haben, die professionelle Grundlage zu verteidigen, auf der Dercon berufen worden ist. Zugleich wird Berlin den Anspruch verraten, eine offene Stadt zu sein, ein kosmopolitischer Ort, an dem Experten eine Berufung in dem guten Glauben annehmen können, dass es ihnen möglich ist, mutig zu denken und über die konventionellen Grenzen institutioneller Strukturen hinaus kreativ zu sein. Chris Dercon hat einen hervorragenden Ruf hinsichtlich seiner visionären Führungskraft, den er sich über drei Jahrzehnte im Museumsbereich erarbeitet hat. Er hat eine globale Perspektive auf Kunst und Ideen, die Veränderung anstiften.“

Mit ihrer Unterstützung für Dercon wollen die Unterzeichner erreichen, „dass sich gesunder Menschenverstand gegen alarmistische Sensationsmache“ durchsetzt. (BLZ)