Volksbühne: Klumpen, klonken, knirschen – so klingt das Decession-Festival

Es wummert, knirscht und brummt in der Volksbühne. Im rechten Foyer mischen sich in den Lautsprechern Beats und Stimmengewirr, ein junger Mann steht vor einem Regal mit kleinen Flakons. Die Parfüms riechen nicht unbedingt gut, aber intensiv, mit Ingredienzien wie Bier, Schweiß und Sperma – ein Duft der Partynacht, eingefangen vom Technoproduzenten Physiscal Therapy für das Minifestival Decession, das sich am Sonnabend über die gesamte Volksbühne ausbreitete. Geruch war zwar nur ein eher fernes Motiv von vielen, aber die Verbindung von Musik mit einem breiteren Erlebnisraum trifft die zentrale Idee dieses Festivals, das sich Musikkurator Martin Hossbach, Jens Balzer, der Popredakteur der Berliner Zeitung und Henrike Werner ausgedacht haben.

Experimentelle Mischform statt Musik-Bebilderung

Gerade in der elektronischen Musik sucht man natürlich seit je die Nähe zum Visuellen und Performativen, schließlich sind die Schauwerte ihrer Bühnenpräsentation gering; aber anstatt nur Musik zu bebildern, ging es in den Arbeiten für Decession um die experimentelle Mischform. Der Horizont für die Einzelkünstler und Teams aus Musikproduzenten und Bild-/Performancekünstlern – internationale, in Berlin ansässige Hochkaräter – war dabei nichts weniger als eine neue, multimediale Kunst, die ihrer Natur nach bis in die Wissenschaft reicht. So inszenierte im Sternfoyer Claire Tolan in einem lila Schlafanzug, verkabelt und in transparente Folie gehüllt, eine hübsch anzusehende und suggestiv wispernde, zischelnde Performance, in der sie wie eine Hohepriesterin eine Schar verdrahteter Mitspieler mit ihren Worten hypnotisierte.

Als weitere rahmende Performance hatte sich im Roten Salon der norwegische Elektrotüftler Lars Holdhus alias TCF eingerichtet und setzte auf ein bisschen Goth-Technologie. Statt eines an seiner untoten Wirklichkeit verzweifelnden Frankenstein-Monsters sah man auf einer Leinwand unter anderem reale Plastik-Torsi und -Gliedmaßen für Roboter sowie Aufnahmen des tüftelnden Künstlers selbst. Im Vordergrund, über einer Installation aus flachen Bassins und Schläuchen, stand eine Phalanx aus etwas grusligen Kehlkopf-Skulpturen auf Sockeln. Dabei handelte es sich um 3-D-Drucke, die Holdhus per Tonabnehmer als Chorstimmen zum Singen bringen wollte. Dazu stand er an einem Arbeitstisch mit Teegeschirr, Computer und Mischpult, fummelte, drückte und drehte, während allzu leise elektronische Geräusche und ein dickes Brummen zu hören waren: Physik ist, wenn es nicht gelingt. „Hier geht gerade alles schief“, sagte er und hoffte mit dem Publikum auf sein späteres zweites Set.

Vorläufig gescheitert, stimmte der schauerromantische Geist der Installation und ihr Spiel aus Synthetik und Organischem dennoch schön auf den ersten Act des Hauptprogramms ein. Gemeinsam mit dem Bildkünstler Michael Guidetti erzählte der Produzent M.E.S.H. eine düstere SF-Geschichte aus Sound. Auf der großen Leinwand hinter den beiden Bühnenpulten sah man Satelliten-Aufnahmen von einem menschenleeren Planeten. Dünne rote Lasermuster zucken darüber hinweg, und unerwartet tauchte ein gemauerter Brunnen auf, in den kupferne Leitungen führten, denen die Kamera bis in einen kleinen Raum folgt. Dort wiederum lag eine Gestalt wie ein schmerzgekrümmter Steinhaufen, von der offenbar die Laserstrahlen ausgingen – ein verstörender Hybrid aus Mineral, Biomasse und Technologie. Das Tolle daran war, wie diese rätselhafte Bildebene durch die Sounds gleichsam zum Leben erweckt wurde: Sie klangen jederzeit ganz elektrokünstlich, aber morphten ineinander wie lebendig und beseelt. Verbunden durch einen abstrakten Puls, klumpten, klonkten und knirschten sie daher, unberechnbar, aber mit einer spürbaren Logik.

Grenzen und Ränder von Clubsounds und freier Klangkunst

Während sich bei M.E.S.H. ein undeutlicher Schmerz mit einem gewissen Horror mischte, stand bei Bill Kouligas das melancholische Motiv stärker im Vordergrund.

Kouligas ist der Gründer des einflussreichen Labels PAN, dessen elektronische Musik an den Grenzen und Rändern von Clubsounds und freier Klangkunst arbeitet. Er schuf gemeinsam mit dem Künstler Spiros Hadjidjanos und zwei Opernsängerinnen eine per Router verbundene, aufregende Welt aus verwischenden, körperlosen Stimmen, schroff-abstrakten digitalen Sounds und betrübten Kunststreichern, während im Hintergrund Leuchtkabel in Schlaufen hingen und an und aus pulsten – ein Netzwerk aus biologischen und anorganischen Quellen. Zu einem feurig atmenden Organismus wollten schließlich Amnesia Scanner die Bühne verwandeln und den Abend gleichsam auf den Nenner bringen. Tatsächlich klang das Produzenten-Duo ungeheuer vital, massig und vielgestaltig zugleich, wie im Ritual eines fremden Stammes. Aber die versprochenerweise fünfdimensionale Lasershow von Vincent de Belleval wirkte doch eher wie ein vergleichsweise konventioneller Rundum-Beschuss.

Als der unmittelbar körperlichste Sound des sehr anregenden Abends bereiteten Amnesia Scanner aber natürlich schön auf die abschließende Party vor. Zuvor schon war auch TCFs Experiment noch gelungen, und so ging man mit dem romantisch froschhaften Knarren und Schnarren der Kunstkehlköpfe im Ohr in die Nacht, von Physiscal Therapy auch olfaktorisch fein begleitet.