Seit der 1965 in Burkina Faso geborene und seit mehr als zwanzig Jahren in Berlin lebende Architekt Diébédo Francis Kéré 2004 den Aga-Khan-Preis erhielt und 2009 den Global Award for Sustainable Architecture, ist er berühmt. Schulen aus Holz und Lehm sind sein Markenzeichen geworden, leicht und luftig aussehend, sowie die enge Zusammenarbeit mit dem Regisseur Christoph Schlingensief, dessen Operndorf in Burkina Faso er plante.

Im Museum of Modern Art waren Kérés Arbeiten zu sehen, im Münchner Architekturmuseum, derzeit stauen sich die Menschen im Londoner Hyde Park, um seinen witzigen Serpentine-Pavillon zu bewundern, einen zarten Bau, der den Regen spürbar macht und das Sonnenlicht, der Wärme speichert und Schatten gibt.

Smart und weltgewandt

Kéré hat also beste Voraussetzungen, um auch ein Theater für den neuen Volksbühnenintendanten Chris Dercon im Hangar 5 des Flughafens Tempelhof zu planen. Er ist smart, berühmt, weltgewandt und ein brillanter Geschichtenerzähler, und er steht für ein neues, internationales Berlin. Sein Entwurf eines offenen, Publikum und Bühne vermählenden Tempelhofer Totaltheaters in der Tradition von Regisseur Erwin Piscator und des Bauhaus-Direktors Walter Gropius versprach auch viel.

Derzeit wird noch heftig in der Riesenhalle mit den gigantischen Toren zum einstigen Flugfeld gearbeitet. Erkennbar war am Montag bei der Pressekonferenz vor allem eine leicht gebogene, ortsfeste Tribünenanlage aus Gerüsten mit tiefblauen Sitzkissen für etwa 400 Menschen, davor, auf dem weiten Asphaltboden Podeste mit Stufen, auf denen blaue Sitzwürfel stehen. Bis zum kommenden Donnerstag wird das Tribünengerüst noch verkleidet werden, mit Spanholztafeln und „Textilien“, wie Francis Kéré ankündigte.

Ein Baugerüst

Ursprünglich war ein großes Theater vorgesehen, das zwischen Hangar und Flugfeld hin- und herfahren kann. Es sollte mit mit Stoffen verkleidet werden, die von den in Tempelhof ihres Schicksals harrenden Flüchtlingen hergestellt werden sollten. Von dieser Ursprungsidee, deren Entwürfe Kéré im Herbst 2016 in München bei einer Werkschau präsentierte, ist also wenig geblieben.

Denn dass dieses nun entstandene Baugerüst, um nichts anderes handelt es sich, transportabel ist, wie es Chris Dercon mit leichtem Pathos – „Wir wollen es auch an andere Initiativen ausleihen.“ – ankündigte, versteht sich von selbst. Im Besitz der Volksbühne verbleiben zudem, da es sich um ein Leihgerüst handelt, nur die Verkleidungen.

500.000 Euro Lotto-Mittel

Sicher aber ist schon jetzt, dass Berlins Kulturpolitiker wieder einmal eine Chance versemmelt haben. Die von Tim Renner in Aussicht gestellten Mittel aus dem Lotto-Topf wurden kurz vor der letzten Berliner Wahl, nachdem Dercon in die Diskussion geriet, erst einmal zurückgehalten. Statt dem plötzlich ungeliebten, aber nun einmal ausgewählten Intendanten Dercon schnell das Projekt zu finanzieren oder zu versagen, wurde die Entscheidung vertagt. Die Lotto-Stiftung soll ja auch eigentlich keine staatsfinanzierten Theater unterstützen, aber sei’s drum. Sie entschied jedenfalls erst im Juli.

Dann wurden von den bewilligten 500.000 Euro auch noch 200.000 für die Kunstprojekte der kommenden Wochen abgezwackt. Es blieben für die Errichtung des Theaters faktisch zwei Monate und 300.000 Euro. Kaum verwunderlich, dass die große Idee von Kéré eingedampft werden musste. Selbst er, der doch wahrlich viel Erfahrung mit Selbstorganisation und Kreativität aus dem Nichts heraus hat, muss mit deutschen Bau- und Feuerschutznormen hantieren, und das dauert Zeit. Dass wenigstens die feste Tribüne entstehen konnte, grenzt also an ein Wunder. Mal sehen, wie sie schließlich aussehen wird.