Theater im Theater. Die „Orestie“ nach Aischylos in der Volksbühne.
Foto: Vincenzo Laera

BerlinDer Krieg um Troja und Frank Castorf sind Geschichte, Chris Dercon sinkt zügig ins Vergessen, und seit der „Odyssee“ des neuen Schauspieldirektors Thorleifur Örn Arnarsson ist auch schon wieder über ein Jahr vergangen. Nun kam mit seiner „Orestie“ die Fortsetzung des Geschehens in der Volksbühne heraus. Agamemnon kehrt vom Krieg nach Hause, wird von Klytaimnestra im Bad erschlagen, die ihrerseits von ihres Sohnes Orest Hand stirbt. Dieser wird von den Erinnyen gejagt, bis Athene ihren Freispruch formuliert und hinfort die zivile Gerichtsbarkeit an die Stelle der Rache tritt. Da war es Donnerstag kurz vor 22 Uhr.

Nichts ist mehr, wie es war (z.B. Corona), aber die Volksbühne steht immer noch: Kartoffelsalat kommt zwar nicht zum Einsatz, dafür aber ein ganzes Amphitheater (Ann-Christine Müller), bestuhlt mit Monoblock-Kunststoff-Stapelware. Der Kenner goutiert das große Versprechen der abwaschbaren Freizeitgemütlichkeit – ein Erbe des Bühnenbildners Bert Neumann, in die Theatergeschichte eingegangen durch Henry Hübchen, der diese Sitzmöbel zu Hunderten in Splitter geslapstickt hat.

Dem Virus ist die relative Kürze der pompösen Veranstaltung zu verdanken: In einem knapp zweieinhalbstündigen Kunststoffmonoblock implodiert die Fluch- und Rachetragödie als retro-postmodernes Tischfeuerwerk aus Zitaten, Fragmenten, Assoziationen und Selbstbespiegelungen. Der Kritiker grüßt die Dramaturgie und verweigert den Aufräumdienst. Nur so viel: Gerahmt wird das Spiel von einem Ehestreit à la Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, der in einem Bungalow auf der Bühne des Amphitheaters stattfindet. Das Alltagsunheil wird samt möblierter Behausung in die Unterbühne versenkt und mit erbarmungslosem Crescendo geloopt, wir werden per Videoübertragung zu Zeugen.

Oben nimmt Athene die Bühne in Beschlag und alle Corona-Sorge auf sich. In einem langen Abstandsregel-Monolog erklärt sich die Göttin zum Opfer der Menschen. Dann gibt es Versatzstücke aus Aischylos’ Dramentrilogie, Masken, Kopfbommeln und Klaviere kommen zum Einsatz, die Bühne kreist wie eine Rummelbude, Trumps Haar gleißt im Gegenlicht, jede Menge Hygienespäße und Improvisationsmaterial versenden sich – alles, und das ist das Gute an dem Abend, zur Freude des Ensembles, das sich ordentlich schafft.

Auf einen Nenner und um jegliche Substanz gebracht, ist das Theater selbst zum Atridenfluch geworden. Wie entkommt man dem Geflecht der Zeichen und Bedeutungen? Wo hört das Spiel auf, und wo beginnt das Echte? Beim abgeknickten, aber wiederholten Entsetzensschrei? Beim Babybauch der schwangeren Schauspielerin (die dann ein Hühnerei zur Welt bringt, pellt und verspeist)? Bei dem Tropfen Theaterbluts, der ins Auge läuft und die Bindehaut reizt? Oder doch erst bei der Wiederanbringung des Mundschutzes beim Verlassen der Kulturbedürfnisanstalt?

Orestie. 2., 3., 24., 25.10. Volksbühne, Karten: Tel.: 240 65 777 oder volksbuehne.berlin