Es geht los. Nach all den wilden Schlachten der vergangenen Monate und Wochen wird am Sonntag die Volksbühne Berlin unter der Leitung ihres neuen Intendanten Chris Dercon tatsächlich eröffnet. Noch nicht gleich im Haupthaus am Rosa-Luxemburg-Platz, sondern in der neuen Nebenspielstätte, dem Hangar 5 auf dem Tempelhofer Flughafen.

Es ist eine Eröffnung, der man mit zwiespältigen Gefühlen entgegensieht. Denn einerseits steht – lässt man die peinlichen Ausfälle gegen Dercon und sein Team außen vor – viel berechtigte Kritik gegen den neuen Volksbühnenchef im Raum: Das Ensemble ist praktisch abgeschafft, es gibt so gut wie keine eigenen Produktionen. Stattdessen werden fast nur Gastspiele eingekauft, die Volksbühne wird so zu einer Abspielstation.

Vorfreude auf Charmatz

Andererseits sind es natürlich interessante Künstler, die Dercon eingekauft hat. Wie etwa den französischen Choreografen Boris Charmatz, der ab Sonntag mit drei großen Tanzprojekten die Eröffnung quasi im Alleingang bestreitet. Für Dercon ist das eine sichere Nummer. Charmatz, der auch im künstlerischen Beirat der Volksbühne sitzt, ist ein verspielt philosophierender, sehr französischer, sehr menschenfreundlicher Choreograf.

Seit 2008 leitet er das Centre chorégraphiques national in Rennes, dass er in ein Musée de la Danse umwidmete. Das Musée de la Danse existiert dort allerdings nicht in einem materiellen Sinn. Für Charmatz ist der Körper selbst ein Museum, in dem die persönlichen, wie gesamtgesellschaftlichen Erinnerungen gespeichert sind.

Virtuelles Tanzmuseum 

Mit seiner Idee eines virtuellen Tanzmuseums in dem Menschen zu temporären Gemeinschaften zusammenfinden, experimentiert Charmatz in unterschiedlichsten Zusammensetzungen und Themenstellungen überall auf der Welt. Im New Yorker MoMA etwa oder in der Londoner Tate Modern.

In Berlin war er zuletzt vor drei Jahren mit fünf Produktionen zu den „foreign affairs“ der Berliner Festspiele eingeladen, unter anderem mit einer überzeugenden Großaktion auf dem Treptower Ehrendenkmal, „20 Dancers for the XX Century“.

Zehn-Stunden-Aktion

„Fous de danse – Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof“ heißt die zehnstündige Aktion mit der Charmatz auf dem Tempelhofer Flugvorfeld Berlin für die neue Volksbühne gewinnen soll. Die Zuschauer sind eingeladen über einige Strecken der insgesamt zehnstündigen Veranstaltung selbst mitzutanzen. Bei Workshops kann man die hierfür erforderlichen Bewegungsabläufe erlernen. Oder man studiert sie allein mittels sechs auf der Volksbühnen-Website veröffentlichten Tutorials.

Weiter geht es dann mit „A Dancer’s Day“, einer ebenfalls ziemlich langen, sechseinhalbstündigen Performance, zu der ein Picknick gehört (Essen bitte selbst mitbringen) und in die Tänzertrainings und Wiederaufnahmen von Performances wie etwa Tino Seghals grandioses „untitled (2000)“ integriert sind. Als drittes Event zeigen Boris Charmatz und sein Musée de la Danse die fünfzigminütige Aufführung „danse de nuit“.

Häme und Hetze 

Es ist ein gutes Programm mit vielen hochkarätigen Gästen. Am Eröffnungsabend ist etwa auch Anne Teresa de Keersmaeker mit von der Partie, insgesamt wird es 150 Beteiligte geben. Woanders wäre keine Frage, dass so ein Abend, falls das Wetter mitspielt, gelingt. Aber die Stimmung gegen die Volksbühne ist aufgeheizt.

Auf Facebook wird jeder neue Volksbühnen-Eintrag mit Häme kommentiert. In Mitleidenschaft gezogen werden davon auch die Künstler. Charmatz und seine Tanzprojekte etwa werden als „lächerlich“, „Kindergeburtstag“ oder „woher kommt der, aus Rennes“ abgetan. Als ob das ein Kriterium wäre.

Neugierig bleiben

Die entscheidende Frage der kommenden Wochen wird sein, wen es nach Tempelhof zieht. Kommen genug Menschen, die sich von dem härtesten Theaterkonflikt der letzten zwei Jahrzehnte nicht haben irritieren lassen und die neugierig sind auf Boris Charmatz, auf Tino Seghal, auf Anne Teresa de Keersmaeker? Werden diejenigen kommen, die zwar Dercons Konzept als Ganzes ablehnen, aber die Künstler, deren Rang außer Frage steht, schätzen?

Oder kommen vor allem diejenigen, für die nicht relevant ist ob sich Kunst ereignet oder nicht, weil sie sich  auf unterschiedlichen Niveaus für die Rettung der Volksbühne als Ensembletheater engagieren und deswegen – ebenfalls auf sehr unterschiedlichen Niveaus – das tun, was sie können, um einen Erfolg Dercons zu verhindern?

Ratlosigkeit in der Tanzszene

Vermutlich wird von allem etwas dabei sein. Ob es reichen wird, damit Dercons Volksbühne Aufwind bekommt, ist offen. Viele in der Tanzszene sind ratlos. Einerseits wünschen sie sich eine Stärkung des Tanzes in Berlin, andererseits sind viele mit der Quasi-Abschaffung der Volksbühne als Ensemble-Theater nicht einverstanden.

50 Prozent des aktuellen Volksbühnenspielplans wird mit Tanz bestritten. Es sind durchweg Künstler, die bislang vor allem im HAU auftraten und die von Dercon mit seinem höheren Etat jetzt weggekauft wurden.

Tim Renners Verantwortung

Noch reagiert HAU-Intendantin Annemie Vanackere gelassen. Doch sollte Dercons neue Volksbühne gelingen, wird das dem HAU langfristig einige Probleme bereiten. Sinn macht das, was der aktuell wieder zur Wahl stehende Politiker Tim Renner auf schäbige Weise und politisch verantwortungslos eingefädelt hat, nicht.

Charmatz, dessen Vertrag in Rennes im kommenden Jahr ausläuft, hat derweil durchblicken lassen, dass er sich mehr Engagement in Berlin gut vorstellen kann. Ob es dazu kommen wird, darüber werden am Ende die Zuschauer entscheiden. Aber vielleicht scheitert die neue Volksbühne einfach an sich selbst. Denn wirtschaftlich kann das kostspielige, aber viel zu schmale Gaststpielangebot unmöglich sein.