Da ist sie nun, die erste eigene Theaterproduktion der neuen Volksbühne im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz nach einigen genreübergreifenden Nebenspielstättenevents und der Beckett-Sehgal-Pleite zur Eröffnung. Und sogleich sei eingeschränkt, dass weder „Theater“ noch „eigen“ richtig zutreffen.

Erstens, weil es sich bei Susanne Kennedys Arbeiten mehr um Installationen mit Menschenbeteiligung handelt, und zweitens, weil „Women in Trouble“ der Schlussakt einer Sterbeübungstrilogie ist, die mit dem Opernparcours „Orfeo“ (Ruhrtriennale, 2016) und „Die Selbstmordschwestern“ (Münchner Kammerspiele, 2017) begann. Letzteres wird in den Spielplan der Volksbühne übernommen.

Passt überall

Außerdem handelt es sich bei „Women in Trouble“ um eine Koproduktion mit dem Theater Rotterdam, gespielt wird auf Englisch. Warum auch nicht, dann kann man diese Veranstaltung überall zeigen, zumal auch das Thema allgemeingültig ist. Man darf sich nur nicht fragen, warum diese Show nun ausgerechnet in diesem Haus stattfindet, was der Bezug zu Berlin ist oder was die profilbildende Aussage, gern auch „Dachmarke“, sein soll, die die neue Intendanz hier setzt.

Der Erwartungsdruck war einerseits hoch, schließlich hatte Susanne Kennedy luxuriöse Arbeitsbedingungen, da das Haus den ganzen Oktober und viele Tage auch im November nicht bespielt wurde, so dass sie quasi von Anfang an auf der großen Bühne probieren konnte. Andererseits weiß man, was man bei Kennedy zu sehen kriegt.

Eine Inszenierungsidee

Seit ihrem Durchbruch beim Theatertreffen 2014 mit „Fegefeuer in Ingolstadt“ lässt sie die Schauspieler mit Masken auftreten und den Playback-Text einspielen. Was für eine herrlich großkotzige, provozierende Geste! Welch interessanter theatertheoretischer Effekt! 2015, als sie wiederum, diesmal mit „Warum läuft Herr R. Amok?“ nach Berlin kam und dieselbe Inszenierungsidee vorführte, maulten die ersten Kritiker: „Kennen wir schon!“

Seitdem werden die Bühnenbilder komplizierter, und das Geschehen löst sich zunehmend von der Vorlage. Bei „Women in Trouble“ gibt es nun gar keine mehr, sondern nur von Kennedy zusammengestellte Zitate aus philosophischen Texten, medizinischen Beipackzetteln, der Bibel, Ratgebern, Film- und Soapdialogen. Zusammen mit der aufgesplitteten Hauptfigur Angelina Dreem, an der jede Identifikation abrutscht, haben wir das aufpolierte Grundbesteck der Postmoderne.

Fehlendes Original

Der multifunktionale Spielort ist eine Krebsklinik, die zugleich als Spa- und Esotempel, Wohnung, virtuelles Gamesetting und vor allem als Filmset dient. Man rutscht so durch die Handlungsebenen, sieht Angelina beim Abtreiben und Sterben zu, beziehungsweise beim Abtreiben- und Sterbenspielen, beim Streit mit der Mutter, dem Mann, dem Regisseur und dem Filmpartner.

Wobei deutlich unklar gehalten wird, wer hier die Original-Angelina ist, wenn es denn eine gibt. Ist die Angelina-Erscheinung nur ihr Spiegelbild, ihr Schattenriss, ihr Avatar oder das durchleuchtete Abbild aus dem Computertomographen? Fällt sie mit ihrer Mutter ineinander oder mit ihrer Rolle? Ist der Partner auch ihr Mann, und der Regisseur zugleich der Krebsarzt? Ist sie nur krank, um aus der Soap herausgeschrieben zu werden? Ist es nicht ohnehin wurscht, dass sie stirbt, weil es sich bei ihr doch um einen posthumanen, schlecht programmierten Cyborg handelt.

Unnötiger Aufwand

Schließlich: Betreiben wir Erdlinge zu viel seelischen Aufwand angesichts jüngerer wissenschaftlicher Theorien, nach denen es sich beim Universum um keine Maschine, sondern um einen Gedanken handelt?

Verzweifelt klingt in dem spirituellen Einerlei immer nur die Frage, ob die Kamera läuft. Übersetzt fürs Theater müsste sie lauten: „Seid ihr noch wach?“ – eine berechtigte Frage bei dem schleppenden Tempo, mit dem die menschenpuppenbestückte Innenarchitektur vor sich hinkreiselt, bei dem Singsang der vorproduzierten Einsprecher, bei den meditativen Bildschirmschoner-Videobildern, bei der Entspannungsmusik und eben der Grundannahme, dass wir es genauso gut mit einem Traum zu tun haben können. Nun: Einige flüchten sich in den Schlaf, viele verlassen einfach vorzeitig das Theater, einer winkt mitleidig.

Wesenlose Welt

Angelina wird es dem Publikum nicht verdenken, schließlich hat auch sie von Anfang an begriffen, dass nichts begreiflich und alles unbedeutend ist in dieser wesenlosen Welt, und dass sich alles mit brutaler Trägheit endlos wiederholt. Einmal – ein Sterbe- oder Aufwachmoment? – ändert sich die Drehrichtung. Doch nach einer kurzen Kleinhirnirritation ist auch dann nichts anders. Der Eiserne Vorhang bringt nach 150 Minuten die Erlösung. Wenig entschlossene Buhrufer, mehr entschlossene Jubler, viel Gleichgültigkeit, Ratlosigkeit und Müdigkeit.

Der kulturpolitische Konfliktknoten, der sich um den Intendanten- und Systemwechsel an der Volksbühne gebildet hat, ist auch künstlerisch nicht geplatzt. Er zieht sich weiter zusammen.