Gerade wird in der Welt allerorten gesellschaftspolitisch der Rückwärtsgang eingelegt, da kommt in der Volksbühne ein Stück zur Uraufführung, das davon erzählt, wie die Geschichte einst in fast noch tragischer Verstrickung einer groß und nach vorn gedachten Zeitöffnung den Atem abschnürte. Gemeint ist die Zeit des Mauerfalls.

„Tote Babys auf glattem Eis“ erzählt die tragische Bespitzelungsgeschichte des Ehepaars Götschau. Es gab sie tatsächlich. Ob genau so, bis in die mörderischen Details, wie sie der Autor und Regisseur Werner Tritzschler hier aufwirft, wissen nur die Beteiligten selbst und vielleicht die Polizeiakten. Die grobkörnige, film-noir-artige Bühnenrekonstruktion der Ereignisse zumindest enthüllt einmal mehr, wie manisch einst die Stasi Leben bis in die privatesten Bereiche hinein in die Zange nahm und wie solche Pression nach dem Mauerfall umgekehrt in totale Haltlosigkeit umschlug. Sybille und Roger Götschaus Leben zerbrach daran.

Ihr Bühnenleben beginnt Silvester 1990. Bille (Johanna Schäfer-Asch) und Roger (Jens Bluemlein) herzen sich, doch dass sie längst nicht mehr eins sind, auch nicht mit sich selbst, zeigt das Schattenpaar (Isabel Thierauch und Horst Günter Marx), das unlöschbar hinter ihnen steht und erzählend ihre Geschichte steuert. Über die Rückwand flackern graphic-novel-hafte Videobilder dazu, die vor allem Bille in somnambulen Irrläufen durch Kellergänge zeigen. Ihr Leben: ein verpacktes Psychoding, das Szene für Szene ein bisschen klarer wird. Ein früherer Kollege ruft an − Bille war Tänzerin im DDR-Staatsballett − und entschuldigt sich frank und frei, sie vor Jahren bespitzelt und verraten zu haben. Tatsächlich hatte er das Paar nicht nur in den Knast gebracht, sondern Bille auch geschwängert. Das Kind wurde abgetrieben, wovon Roger nie erfuhr − bis jetzt. Und so dreht sich der perfide Stasi-Verrat von einst postum nun eine Windung weiter in die private Zerrüttung. Bei den Versuchen, sich mordend seiner Schatten zu entledigen, landet Roger am Ende selbst unterm Eis.

Die doppelt besetzten Persönlichkeitsaufspaltungen sind der gelungene Kniff dieses Erinnerungspuzzles, mit dem Tritzschler ein bisschen auch seine eigenen Stasi-Knasterfahrungen verarbeiten mag. Alles wird so wenig wie möglich auserzählt, doch gerät in der kryptischen Traumstruktur die Spielweise selbst zu konventionell. Da wird zwar geschrien und gelitten, doch läuft das zu eng an fernsehtauglichen Seelenklischees entlang. Ohne Gefühlstunke hätte die Erzählung Kraft.

Tote Babys auf glattem Eis wieder am 16.,19. 11., 20 Uhr, Telefon: 24065777