Chris Dercon, der Intendant der Volksbühne, redet gern öffentlich, Aussagen sind ihm aber nur schwer zu entringen. Am Dienstag hat es der Radiojournalist Alfred Eichhorn im Brecht-Haus versucht. Er hat viele beeindruckende Lebensstationen von Dercon, Zitate aus Zeitungen sowie aus dem Programmheft der Volksbühne auf Karteikarten geschrieben und noch einmal für alle die von jeder aktuellen Debatte unbefleckte Grundfrage gestellt: „Ein Ausstellungsmacher als Theaterintendant?“

Unsere Leser wissen, wie das im Fall von Dercon bisher funktioniert, nämlich gar nicht gut, und deshalb springen wir sofort wieder in die Begriffsarbeit, mit der die neue Volksbühne ihr Tun rechtfertigt, das man nicht anders denn als Abwicklung eines Schauspieltheaters im Ensemble- und Repertoirebetrieb nennen kann. 

Erst aushöhlen

Bisher arbeiteten Dercon und sein Team an der Aushöhlung der in der Zweckbestimmung der Volksbühne festgelegten Begriffe Ensemble und Repertoire, indem sie gleichgesetzt werden mit Vertragsmischformen und der sporadischen Wiederholung von Veranstaltungen. Ein vertraglich gebundenes Künstlerteam wurde bisher nicht aufgestellt, nicht einmal die zwölf verbliebenen Stellen sind besetzt. Und von Repertoire kann keine Rede sein, wenn man ein paar Stücke irgendwann wiederaufzunehmen verspricht. 

Bisher kommt das, was an dem Haus versucht wird, einem Koproduktionshaus mit überdimensionierten Werkstätten und unterbeschäftigten Gewerken näher. Auf Dauer wird das nicht zu finanzieren sein, auch wenn Dercon sagt, dass 2017 gut abgeschlossen wurde.

Dann umbenennen

Außer dass uns Dercon wie gehabt um Geduld bittet − „eine Spielzeit reicht nicht für eine Setzung!“ − kann man aus den Mitteilungen über seine Erfolge und Hoffnungen heraushören, wie er − um noch mehr Abstand von den Definitionen der vorgenannten Begriffe zu gewinnen − diese durch neue ersetzt.

Das Ensemble heißt an der Volkbühne nun „Equipe“, also Mannschaft. Und das Repertoire weicht einer „horizontalen Dramaturgie“. Während die Equipe alle am Haus angestellten oder nur gastierenden Künstler meint, bedeutet das zweite, dass die angesetzten Produktionen und Gastspiele zueinander in Beziehung gebracht würden und „Bausteine“ einer größeren Erzählung seien. So sei das nächste Gastspiel von Claude Regy ähnlich dunkel und leise wie Albert Serras „Liberté“, dessen Premiere er tapfer und unumwunden als misslungen bezeichnet, man arbeite daran und der Abend sei schon viel besser geworden.

„Das geheimste Kunstprojekt Berlins“

Dercon kritisiert am herkömmlichen Stadttheaterbetrieb, dass die einzelnen Produktionen einander totschlügen. Davon kann nun in der Volksbühne mit ihren vielen Schließtagen wahrlich nicht die Rede sein. Solche Schließtage müsste es mit einem funktionierenden Repertoire nicht geben.

Wie die eher Dercon-freundliche Kunstzeitschrift Monopol in ihrer neuen Ausgabe ausbreitet, lägen die Gründe für die Schließzeiten in einem geplatzten immersiven Langzeitfilm-Projekt „Dau“ des Russen Ilja Khrizhanovskij. Dieses „geheimste Kunstprojekt Berlins“, über das seit letztem Sommer Gerüchte im Umlauf sind, mag ein noch so dickes Ei sein − es ist ungelegt. Dass in diesem Fall auch die Volksbühne, die bisher viel mit ungelegten Eiern argumentieren muss, darüber schweigt, ist zu begrüßen.